"Die Aufzeichnungen von Noa Noa – Die erste tahitanische Reise", von Paul Gauguin. Um ein anerkannter Maler zu werden, hatte der erfolgreiche Finanzmann und angesehene Familienvater die gesicherte Karriere und bürgerliche Existenz aufgegeben; um von "Ekstase, Ruhe und Kunst" zu leben, war der enttäuschte Künstler 1891 nach Tahiti gereist, – auf der Suche nach dem Ursprünglichen und der alten Herrlichkeit einer nicht-zivilisierten Rasse. Einige seiner schönsten Bilder stammen aus dieser ersten Begegnung mit Tahiti. In seinen Aufzeichnungen beschreibt Gauguin seine vorsichtige Annäherung an die Menschen, Sitten und die fremde Landschaft. Er findet, was er immer schon suchte, an der Seite der Tahiter (und vor allem der Tahiterinnen): das geheimnisvolle Abenteuer und gleichzeitig eine hoffnungsvolle Ruhe. Und von seiner Liebe zu dem Land und den Menschen erzählen auch die Illustrationen seines Reisebuchs: Aquarelle, Holzschnitte, Zeichnungen, die (hier sorgfältig gedruckt) vom Leben des Malers auf der größten der Gesellschaftsinseln erzählen. (Aus dem Französischen und nach dem Manuskript des Künstlers übertragen von Hans Graber; Verlag Büchse der Pandora, Wetzlar, 1982; 99 S., 19,80 DM) Manuela Reichart

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"Die Ballade von der Typhoid Mary", von Jürg Federspiel. Der an einer heimtückischen Krankheit leidende Kinderarzt Howard J. Rageet vertreibt sich die Wartezeit auf den Tod damit, die Biographie der "Typhoid Mary" zu rekonstruieren: ein Flirt mit einem Todesengel. Mary, eine gesunde Dauer-Ausscheiderin von Typhus-Salmonellen, eine leidenschaftliche Köchin, steckte oft ihre Herrschaft an: Es wird viel gestorben in diesem Buch. Federspiel (oder sein Chronist) baut um die wenigen überlieferten Fakten, zwei medizinischen Fachartikel, eine Erzählung in 45 knappen Episoden, Strophen. Etwas kurzatmig, bisweilen schnoddrig, wird vom Sterben erzählt, von abgründiger Lust, vom Verbrechen und vom Schmutz, vom New York des späten 19. Jahrhunderts. So frech, wie sich Rageet über Tabus hinwegsetzt, verfährt der Autor mit den literarischen Gattungen. Er nennt seine Erzählung, die den Stoff eines ausgewachsenen Romans umspannt in düsteren Anekdoten verweilt, dann grinsend davonhüpft, eine Ballade – und beweist sich damit erneut als brillanter Erzähler. (Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1982; 154 S., 17,80 DM.)

Christoph Neidhart