Von Peter Sager

So läuft kein Sieger der Geschichte: halb im Sturmschritt, halb auf der Flucht, teils Revolutionär, teils Reaktionär, gesichtslos und mit Tanusgliedern, die Linke zur Proletarierfaust geballt, die Rechte wie zum Hitlergruß gereckt oder zur Abwehr ungeahnter Schrecken: Wer ist dieser einsame Läufer im Niemandsland? Woher kommt er? Wohin will er? Treibt ihn die neue oder eine alte Angst? Neue Hoffnung oder nur ein neuer Wind?

Der apokalyptische Läufer, der sich da unter unsere Jogging-Gesellschaft mischt, kommt aus Leipzig, aus dem Atelier des Malers Wolfgang Mattheuer. "Albtraum" hat er diese aus einem Sisyphus-Zyklus entwickelte Figur von 1982 genannt, die nun zum Mauerspringer in offizieller Mission wurde, zum Plakat-Motiv der großen Wanderausstellung "Zeitvergleich – Malerei und Grafik aus der DDR".

Hamburg erlebte Ende letzter Woche eine mehrfache Premiere. Das zufällige Zusammentreffen sozialistischer Realisten im Kunstverein mit Preußens Baumeister Schinkel, der Ostberliner Ausstellung in der Kunsthalle und der Eröffnung der Autobahn Hamburg-Berlin: Gibt es ein schöneres Beispiel für den real existierenden Surrealismus der deutsch-deutschen Beziehungen?

Nicht ganz so zufällig, aber kaum weniger ungewöhnlich eine andere Konstellation: Ein Kunstverein und ein Kunstmagazin ("art"), ein Hannoveraner Privatgalerist (Brusberg) und der Staatliche Kunsthandel der DDR, diese ungleichen Brüder, taten sich zusammen und organisierten eine Ausstellung, deren Zustandekommen um so bemerkenswerter ist, als es ja immer noch kein Kulturabkommen zwischen den beiden deutschen Staaten gibt. Als guter Realist muß man alles erfinden.

Als guter Patriot muß man sich dann wohl damit abfinden, daß ein Kunstmagazin als Sponsor ("ein Sonderfall") eben auch kräftig Werbung in eigener Sache macht; zum anderen, daß bei jeder normalen Ausstellung ein Galerist mit einer derartigen Monopolstellung undenkbar wäre.

Nach Hamburg geschlossen angereist waren die "glorreichen Vier" der DDR-Kunst: Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte und Werner Tübke. Zu Hause gelassen hatte man die jungen Künstler. So demonstrierte die prominente Altherrenriege zweierlei: die Hierarchie in der klassenlosen Gesellschaft und die hohe Bedeutung, die die DDR dieser Ausstellung beimißt, nicht nur als Devisenbringer (zwei Drittel der Werke sind verkäuflich, zu Preisen bis zu 60 000 Mark).