Heinar Kipphardt öffentlich: Es war in Landshut/Oberbayern, 1980. Im Stadttheater spielte man Kipphardts berühmtestes Stück: "In der Sache J. Robert, Oppenheimer." Nach der Vorstellung fand eine Diskussion statt zwischen Publikum, Theaterleuten und dem Schriftsteller.

Kipphardt saß auf der Bühne, sprach zögernd, stockend über seine Arbeit am Stück, unterbrach sein langsames Reden durch mancherlei Seufzen und Brummen. Kein Dichter aus den Weltstädten war da herabgestiegen in die Provinz – Kipphardt kam wie der Nachbar vom Lande. Er wohnte nicht weit weg, in Angelsbruck, in einer alten Mühle.

Es war keine brillante Diskussion an diesem Landshuter Abend. Kein verbales Gefecht, keine Belehrung vom Dichterthron. Aber bald wurde aus dem mühsamen Gespräch ein nützliches, aus dem nützlichen ein spannendes. Kipphardt dozierte nicht, er erzählte; er behielt nicht recht, er hörte zu. Am Ende hatte jeder etwas gelernt: die Leute aus Landshut und der Mann aus Angelsbruck.

Diskussionen, hatte Kipphardt gezeigt, müssen keine Auftritte sein, nach festen, vorherbestimmten Ritualen. Und Schriftsteller müssen keine Pfauen sein, Sprachmaschinen, Wortakrobaten. Kipphardt auf der Landshuter Bühne, schwer und schwer redend, das lehrte: Die Schriftstellern ist Kopf-Arbeit und also die schwierigste von allen.

Wer mit Kipphardt redete, hörte selten eine besonders ausgefallene Formulierung von ihm, fast nie eine Pointe. Aber auch niemals eine Phrase. Kipphardt mußte nicht viel reden – weil er sich für die Konversation nicht eignete (und nicht interessierte). "Wenn ich einen Fisch esse/Karpfen besonders/denke ich meist bewundernd/dieser sprach nie/dieser genüßliche Mund/suchte den Schlamm ab und schwieg."

Kipphardt schrieb auch Gedichte ("Angelsbrucker Notizen"), dies war eines davon. "Ich war immer überzeugt, nur Gedichte seien in der Literatur wirklich ernst zu nehmen. In erträglicher Verfassung lese ich am liebsten Gedichte, und von den Qualen des Schreibens ist mir einzig die des Gedichtemachens keine."

Kipphardt ist zwei Jahre älter geworden als Brecht – sein literarisches Werk ist vergleichsweise sehr klein. Was Kipphardt die "Qualen des Schreibens" nennt, war vielleicht seine größte Qualität: seine Unfähigkeit, die Wirklichkeit, von der er schrieb, mit schriftstellerischen Tricks zu überlisten. Thesenstücke und Parabeln konnte er nicht schreiben (weil dann die Ergebnisse festgestanden hätten, bevor die Nachforschung begann). Auch zur historischen Realität verhielt sich Kipphardt nicht wie ein Rechthabender, sondern wie ein Zuhörender, Zusehender – jederzeit bereit, mühsam gefundene Ergebnisse wieder zu verwerfen. Das hat seine Wege bis zum Abschluß einer Arbeit langwierig gemacht. Im Nachwort zum "Oppenheimer" steht, und daran hat sich Kipphardt tatsächlich immer gehalten: "Wenn die Wahrheit von einer Wirkung bedroht schien, opferte ich die Wirkung."