Sie sei ja schon immer an "sehr vielen Dingen" interessiert gewesen, erzählt die alte Dame mit dem Pelzhut. "Aber wissen Sie, Mathematik hat mir schon in der Schulzeit am meisten Spaß gemacht." Jetzt sitzt sie in der Eingangshalle des "Geomatikums", des naturwissenschaftlichen Zentrums der Hamburger Universität, und wartet auf den Vortrag "Was ist ein Kegelschnitt?". Wenn ihr das Referat über die Keplerschen Gesetze der Planetenbewegung gefällt, möchte sie sich im Sommersemester als Gasthörerin an der Universität einschreiben. "Das Niveau der Vorlesungen ist mir wahrscheinlich nicht zu hoch", meint die alte Dame. "Aber ich habe Angst, daß ich zum Mitdenken nicht mehr flink genug bin. Verstehen Sie, was ich meine?"

Das 17stöckige Geomatikum an einem Samstagvormittag. Unter dem Motto "Uni für alle" hat die Hamburger Universität zum dritten Mal einen "Tag der offenen Tür" organisiert. "Wir wollen viele Bürger dazu motivieren, die Universität zu besuchen, um sich zu informieren und gemeinsam mit uns zu lernen, zu diskutieren und zu entdecken", sagt Präsident Peter Fischer-Appelt.

Zu lernen, zu diskutieren und zu entdecken gibt es hauptsächlich auf naturwissenschaftlichem Gebiet: So lädt man ins Geologisch-Paläontologische Institut, um dort das sediment-petrograpnische Labor vorzuführen, und das Institut für Geschichte der Naturwissenschaft, Mathematik und Technik präsentiert die Ausstellung "Eröffnetes Cabinet des gelehrten Frauenzimmers". Zwei von zweihundert Programmpunkten, bei denen "das Potential der Universität allen interessierten Mitbürgerinnen und -bürgern zur Verfügung steht", wie die Uni-Verwaltung verheißt.

Doch dann die Enttäuschung einer 28jährigen Besucherin: Gerade hat sie sich in der Umwelt-Ausstellung eine unkommentierte Grafik angesehen und einen Institutsmitarbeiter nach deren Bedeutung gefragt. Der macht sie auf eine seitenstarke Begleitstudie aufmerksam und verweist "bei weiterem Interesse" auf die einschlägige Literatur der Staatsbibliothek. Uni für alle?

Die letzten 48 Stunden der Universitätstage in Hamburg sind vornehmlich Gymnasiasten der Oberstufe gewidmet. Von Lüneburg bis Lübeck reisen die zukünftigen Studenten in die Hansestadt, um dort zum ersten Mal Vorlesungen zu hören und um sich an Ort und Stelle über Studienmöglichkeiten zu informieren. Die Schüler der Klasse 13 der Hamburger Gymnasien haben an diesen Tagen schulfrei, nachdem ihr Unterricht während der letzten Universitätstage im Vorjahr teilweise zusammengebrochen war. Außer den Fakultäten Medizin und Biologie beteiligen sich alle Fachbereiche der Hamburger Universität am "Schnupperstudium". Der Erfolg ist "durchschlagend", resümiert ein Organisator am Ende. Die nächste Erstsemesterschwemme an der nördlichsten deutschen Massenuniversität ist vorprogrammiert.

Und schließlich ein unerwarteter Erfolg: Die Ausstellung über das ehemalige jüdische Viertel "am Grindel" in Hamburg ist während der Unitage ständig überfüllt und wird auf vielfachen Wunsch verlängert. "Hier habe ich mehr über meine ehemalige Heimat Klein-Jerusalem erfahren als von meiner Mutter", schreibt ein Besucher in das Ausstellungsbuch. Studenten der Politologie haben den letzten Sommer damit verbracht, mit Bildern, Dokumenten und Texten das jüdische Leben im Stadtteil Harvestehude zu rekonstruieren.

Die alte Dame mit dem Pelzhut will sich diese Ausstellung auch noch ansehen.

Stefanie Kötter