Von Hans Platschek

Was das Buch von Robert Hughes lesenswert macht, ist zweierlei. Hughes nimmt sich die Zeit und die Mühe, auch kompliziertere Vorgänge innerhalb der modernen Kunst, ohne daß er sie vereinfacht, zu erklären. Er tut es andererseits ohne Pedanterie, humorvoll von Fall zu Fall, mit einem Abstand zu den Fakten, der die Fakten jedoch nicht herabwürdigt –

Robert Hughes: "Der Schock der Moderne, Kunst im Jahrhundert des Umbruchs"; Econ, Düsseldorf-Wien; 431 S., 98,– DM.

Er schreibt handfest, und daß ihm die Handfestigkeit Spaß bereitet, spürt man beim Lesen. So heißt es über die Surrealisten: "Die Idee, daß Massensport und Siedlungen, Turbinen und Maurice-Farman-Doppeldecker eine Brave new World ankündigen könnten, hätte den blassen, unsportlichen Besessenen, die den Kern der surrealistischen Gruppe ausmachten, nur Hohngelächter entlockt. Sie glaubten nicht an utopische Technologien, die meisten konnten nicht einmal eine Glühbirne auswechseln."

Das Beispiel zeigt, in welchem Maß Hughes bildhaft formuliert, ungeachtet der Tatsache, daß ein Breton oder ein Aragon womöglich doch ihre Glühbirnen auszuwechseln imstande waren. Es zeigt aber auch eine Erklärungsebene, die mit einem erwachsenen Leser rechnet. Obwohl das Grundmaterial eine Fernsehserie war, ein Material also für ein Massenmedium mit einem Massenpublikum, begeht Hughes nicht den Fehler, tiefzustapeln oder auf eine Unzahl von Anspielungen, Insider-Klatsch oder Bildungsschätze zu verzichten. Spricht er von Majakowskij und Rotschenko, mit ihrer öffentlichen Kunst, fügt er hinzu: und das zu einer Zeit, da T. S. Eliot sich beklagte, in einer Bank arbeiten zu müssen. Für Hughes ist die moderne Kunst keine Glaubenssache mehr; sie ist ein Zeugnis von Emanzipation und Phantasie, wobei er keinen Hehl daraus macht, daß beiden, Emanzipation und Phantasie, nicht immer der Erfolg beschieden war, den sie erhofften. Denn Sotneby’s und Christie’s Auktionspreise kann man, beim besten Willen, nicht als Erfolge werten.

Beißt man sich in Details fest, so kann man sich bisweilen eines Kopfschütteins nicht erwehren. Klee wird als Kleinmeister angeführt. Über den Maler Wols, den Vater der informellen Malerei, fällt kein Wort. Man vermißt Modigliani oder den Bildhauer Julio Gonzalez. Nur kann man solche Mängel übergehen, sofern man sich an die Texte in ihrer Eigenart hält. Sie nämlich erzählen die Geschichte der modernen Kunst auf eine Weise, die dem Fachmann nichts schuldig bleibt und den Laien ohne Aufdringlichkeit belehrt. Es geht um acht Stücke mit den Titeln: "Das mechanische Paradies", "Die Gesichter der Gewalt", "Arkadien", "Ärger in Utopia", "An der Schwelle zur Freiheit", "Der Blick von der Klippe", "Kultur als Natur" und "Die vergangene Zukunft". Schon die Titel zeigen, daß Hughes die Chronologie zugunsten einer Gruppierung aufgibt, die Bildideen zum Thema hat: Bildideen, die ihrerseits nicht vom Himmel gefallen sind, sondern von Hughes aus sozialen und ideologischen Grundmustern abgeleitet werden.

Interessant ist, daß Hughes mit diesem Buch nicht immer auf Beifall stieß. Es gibt nicht nur im deutschen Sprachbereich grämliche Rezensionen, und auch das Echo auf die Fernsehsendungen, die hierzulande in den Dritten Programmen liefen, war geteilt. Der Grund liegt auf der Hand: Hughes kennt keine heiligen Kühe, und er scheut sich nicht, dort Kritik zu üben, wo er eine Kluft zwischen dem Kunstanspruch und dem Kunstresultat sieht. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, so etwa, wenn er von Kandinskys Schriften sagt, sie seien bemühter Unsinn. Auf Seite 318 der deutschen Ausgabe steht eine Kritik an dem abstrakten Maler Barnett Newman, die man nur vernichtend nennen kann. Im Formalen, so Hughes, war Newman der Unbegabteste der Gruppe abstrakter Expressionisten, oder wie immer man sie nennen will, nützlich im Atelier aber war ihm sein simplifizierender Verstand. Er hatte eine Kleinigkeit erfunden, den "Reißverschluß", eine meistens weiße Linie, die senkrecht eine angemalte Leinwandfläche teilte. Das war nicht viel, verbunden aber mit Newmans metaphysischen An- und Aussprüchen, Nahrung für eine betriebsblinde Kritik. Man verglich den "Reißverschluß" mit Gottes erstem Schöpfungsakt, der Teilung in Licht und Finsternis, mit Adam und mit Stellen aus der Kabbala.