Jagdhörner bliesen den letzten Gruß, als am 9. Januar 1980 auf dem kleinen Friedhof am Stillen Weg in Hamburg-Groß-Flottbek Verwandte, Freunde und Kollegen Abschied von dem durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Verlegersohn Axel Springer junior nahmen. Unter den prominenten Trauergästen von Friedrich Karl Flick bis Max Schmeling, Frederic Ullstein bis Berthold Beitz befand sich ein Mann, der den Chronisten keine Erwähnung wert war, aber Axel Soringer junior gestanden hatte, als die meisten andern und dies nicht nur wegen ihrer gemeinsamen Jagdleidenschaft: Franz Burda, 50, ältester Sohn des Offenburger Großdruckers und Zeitschriftenverlegers Senator Franz Burda.

Es wurde kolportiert, daß Axel Cäsar Springer schon vor zwei Jahren – am offenen Grabe seines; Sohnes – den Burda-Sproß und dessen beide Brüder Friedrich (genannt Frieder), 46, und Hubert, 42, als jene „Wahlverwandten“ ins Auge faßte, die Springers Medienkonzern übernehmen sollten. Doch das dürfte eine Legende gewesen sein.

Damals konzentrierten sich Springers Gedanken; nämlich noch auf eine Allianz mit der erfolgreichen Verlegerdynastie Bauer, (Quick, Neue Revue, Bravo, TV Hören und Sehen, Playboy).

Erst nachdem sich die Allianz Springer-Bauer nicht realisieren ließ, weil sich die in Sachen Pressekonzentration äußerst sensiblen Fusionskontrolleure im Berliner Kartellamt querlegten, richtete der Herr über Bild und Welt, Welt am Sonntag, Bild am Sonntag, Hörzu, Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt seine Hoffnungen ganz auf die drei Burda-Erben.

„Die Söhne des Seniors Franz Burda“, so suchte der 70jährige Alleininhaber des größten deutschen Zeitungshauses der Monopolkommission. die umstrittene „Elefantenhochzeit“ nahezubringen, „stehen in einem Lebensalter; das der Nachfolgegeneration entspricht; sie verfügen über eine solide Bodenständigkeit, – über sachgemäßen Kenntnisreichtum und eine durable Willenskraft“. Das Wohlwollen gegenüber den badischen Nachwuchsunternehmern pflegt Springer inzwischen auch privat, im Kreise von Freunden und Wesensverwandten. In der Berliner Villa des Großverlegers in Schwanenwerder findet kaum ein gesellschaftliches Ereignis statt, bei dem nicht einer der Burdas Zugegen wäre – zuletzt im Oktober, bei einem Hauskonzert mit dem 13jährigen rumänischen Klavierwunder. Dimitris Sgouros, zu dem Frieder Burda herübergekommen war.

Dennoch ist vor allem das höhere Springer-Management darüber irritiert, daß der Mann, der wie kein anderer Verleger mit seinen Blättern den politischen Meinungsstreit entfachte, sein Lebenswerk ausgerechnet in die Hände einer Familie legen will, die mit ihren Druckerzeugnissen das Unpolitische fast zum System erhoben hat. Seine Motive dürften denn auch mehr emotional als politisch sein. Auf Axel Springer, der ohne einen für die Nachfolge bereitstehenden Erben sein Haus-, bestellen muß, übt eine Verlegerfamilie, die in der dritten Generation gleich drei tüchtige Söhne an die Spitze ihres Unternehmens stellen kann, anscheinend eine besonders große Anziehungskraft aus. Die Springersche „Wahlverwandtschaft“ mit den drei Burda-Brüdern geht jedenfalls nicht auf eine Wesensverwandtschaft der beiden Senioren zurück. Dafür sind der einsame Rufer aus Altona, und der Künder einer schönen, bunten Welt aus! Offenburg einfach zu konträre Charaktere. Auch, wenn der Patriarch Burda gern von „meinem Freund Axel Springer“ spricht, dürfte ihr Verhältnis über die gegenseitige Anerkennung als erfolgreiche Medienmacher der ersten Stunde und ihr gemeinsames Eintreten für die ordnungspolitischen Voraussetzungen ihres unternehmerischen Aufstiegs kaum hinausgehen.

Wurde Springers wirtschaftliche Größe bisweilen erheblich überzeichnet, so wurde der Provinzler Burda bis heute in der öffentlichen Einschätzung eher eine Nummer zu klein gehandelt. Dabei kann der heute 79jährige promovierte Volkswirt, von der Pike auf gelernte Drucker und Selfmade-Journalist Franz Burda auf eine mindestens ebenso steile Karriere zurückblicken wie der hanseatische Pressezar. Wie Springer mit seiner Hörzu, so legte Burda mit einer Rundfunk-Zeitschrift die Basis seines späteren Imperiums. Zwar wurde die Süddeutsche Radio-Zeitung (Sürag) 1927 von Burdas Vater gegründet, der sie in einer kleinen Offenburger Hinterhofdruckerei zusammen mit einem Lehrling herstellte. Aber erst Franz dem Zweiten gelang es, dem Programmblatt, das die Rundfunkhändler jedem Käufer eines Radiogerätes im Abonnement anboten, in den dreißiger Jahren zu einer Auflage von über 100 000 Exemplaren zu verhelfen.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beschäftigte Franz Burda bereits 600 Mitarbeiter – 250 in Offenburg und 350 in Mannheim, wo er im Zuge der Arisierung jüdischen Vermögens 1938 die Druckerei Gebrüder Bauer übernommen hatte.

1941 mußte Burda seine Sürag erst einmal einstellen. Die Burda-Druckbetriebe wandten sich wichtigeren Aufgaben zu: der Herstellung von Auslandskarten für das Oberkommando des Heeres und schließlich sogar von Luftbildplänen in mehrfarbigem Tiefdruck für Hitlers Bomberkommandos. Als alles vorbei war, gelang es Burda dank seiner guten Beziehungen zur französischen Besatzungsmacht, seinen Betrieb auf die Produktion provisorischer Schulbücher in Millionenauflage umzustellen, und sogar auf den Druck von Briefmarken für die französische Zone.

Bald nach Kriegsende 1948, erhielt Franz Burda von der „Direction de l’Education publique“ den Auftrag, eine 14tägig erscheinende illustrierte Zeitschrift herauszubringen. Der redaktionelle Teil wurde von den französischen Besatzern zusammengestellt. Die Bildgazette erhielt den Namen Das Ufer und sollte 1954 als Bunte Illustrierte das Flaggschiff des Burdaschen Zeitschriftenimperiums werden.

Burda ist bisweilen geringschätzig nachgesagt worden, daß sich seine verlegerischen Aktivitäten im Grunde darin erschöpft hätten, billiges Futter für seine gefräßigen Tiefdruckmaschinen heranzuschaffen. Die Spötter übersahen, daß er dazu erst einmal die geeigneten Verlagsobjekte auf dem hart umkämpften Zeitschriftenmarkt zum Erfolg führen mußte. Dem aus kleinen Verhältnissen Aufgestiegenen kam dabei zugute, daß er „einen Riecher für das hat, was beim Leser ankommt“, wie er sich in einer hausgemachten Jubelschrift zum 60. Geburtstag attestieren ließ.

Wo sich andere mit wissenschaftlichen Zielgruppenanalysen auf verlegerisches Neuland vortasten und auf die Weisheit des Computers vertrauen, entscheidet Burda aus der Tiefe des Gemüts. „Hier ist mein Computer“, pflegt er auf die Frage nach dem Geheimnis seines Erfolges zu antworten und tippt sich dabei an die Nasenspitze. Burda machte seine Zeitschriften stets so, daß sie ihm selbst gefielen. Sein angeborener Sinn für das Volksempfinden war der sichere Garant dafür, daß sie das Publikum auch kaufte.

Franz Burda begnügte sich nicht damit, ein neues Blatt zu konzipieren. Er kniete sich vielmehr, vor allem für seine Bunte, tief in die redaktionelle Routinearbeit, obwohl er nie eine journalistische Ausbildung genossen hatte. Als 1953 seine Redakteure den Krönungsfeiern für Königin Elizabeth nur eine einzige Seite (damals noch in Das Ufer) widmen wollten, kam es zum großen Krach. Kurzentschlossen fuhr er mit einer Sekretärin im Auto nach Zürich, um am Flughafen den aus London heimkehrenden Photoreportern sofort die Bilder abzukaufen, die er brauchte. Noch in der Nacht, auf der Heimfahrt, entwarf er das Layout und diktierte die Texte für eine Krönungs-Sondernummer, die mit einer um 100 000 Exemplare höheren Auflage in Satz ging.

Als Burdas Ältester, im Familienstammbaum als „Franz der Dritte“ registriert, 1958 die technische Leitung der Druckbetriebe übernahm, konnte sich der Verleger und Chefredakteur noch intensiver auf seine Bunte konzentrieren. Dabei scheute er sich nicht einmal, zuweilen die Wirklichkeit der Wunschwelt seiner Leser anzupassen. Seinen Mitarbeitern sträubten sich die Haare, als er seine Putzfrau fragte: „Wie schaut die Donau aus?“ und auf die erwartete Antwort hin ein Bild des Stroms von schmutzig-grau auf donau-so-blau umtönen läßt.

Exklusivphotos, die Springer-Sohn Sven Simon unter größter Mühe von Fidel Castro in dessen Privaträumen gemacht hat, ließ Burda im Bildarchiv verschwinden, weil der kubanische Staatschef nicht die für ihn typische Mütze trug. Wenn man ehemaligen Redakteuren Glauben schenken darf, störte es den ganz auf die Sehnsüchte und Erwartungen seiner überwiegend weiblichen Leser fixierten Blattmacher herzlich wenig, wenn er – corriger la fortune! – zur Not auch einmal zwei Prominentenphotos von geübter Hand zu einem wirkungsvollen Begegnungsbild vereinen ließ.

Zukäufe traditionsreicher Bilderblätter halfen dem Auflagenwachstum der Bunten kräftig nach. 1959 übernahm Burda die bis dahin in Stuttgart erscheinende Deutsche Illustrierte. Im darauffolgenden Jahr verleibte er sich die im Süddeutschen Verlag herausgegebene Münchner Illustrierte ein. Die Bunte gewann 200 000 Käufer hinzu.

Im Herbst 1962 schließlich kaufte Burda von der Frankfurter Societäts-Druckerei die fünfzig Jahre alte Frankfurter Illustrierte – ein Blatt, das die Sexwelle ignoriert hatte, weil es sich dem „normalen Menschen“ verbunden fühlte. Die Auflage der Bunten übersprang die Traumgrenze von einer Million. Ein Jahrzehnt später hatte sie es bereits auf fast 1,7 Millionen gebracht.

Auch die übrigen Burda-Blätter entwickelten sich prächtig: Die aus der alten Sürag entstandene Programmzeitschrift Bild + Funk meldete schon 1972 960 000 verkaufte Exemplare. Die 1962 erworbene Frauenzeitschrift freundin erreichte in diesem Jahr, eine Auflage von 625 000. Die Freizeit und Rätsel Revue schaffte innerhalb von nur zwei Jahren eine Dreiviertelmillion verkaufte Exemplare. Spitzenreiter unter den Burda-Bestsellern war aber schön damals die überwiegend von den öffentlichen Bausparkassen vertriebene größte europäische Bau- und Wohnzeitschrift Das Haus – mit über 3,5 Millionen Exemplaren.

Burda strebte seinen Rekorden auf dem Medienmarkt zu, ohne potentielle Nebenbuhler lange zu dulden. Die wenigen Manager, die bei Burda in die Nähe der Macht gelangten, schieden meist – honorig abgefunden – nach kurzer Zeit wieder aus. „Die Burdas“, so das bittere Resümee eines Gescheiterten, „brauchen keine Mitarbeiter, sondern nur Zuarbeiten“

Die Zuarbeiter – egal auf welcher Etage des Unternehmens – müssen sich, wie es in der Einleitung der Geburtstags-Laudatio „Dr. Franz Burda – Mensch und Werk“ unverblümt heißt, „auf die Persönlichkeit ihres Chefs einstellen, wenn sie auf die Dauer vor ihm bestehen wollen. Sonst geraten sie bald ,in den Keller‘. Er gibt ihnen dann noch eine Chance. Verstehen sie diese nicht zu nutzen und versagen in seinen Augen, müssen sie gehen“.

Also ein Despot? Weit gefehlt! „Nicht, daß er einem seinen Willen aufzwänge. Er strahlt ihn aus“, schrieb der Porträtist in der Geburtstags-Laudatio. Denn Burda hat einen „eigentümlichurigen Charme, mit dem er seine Mitarbeiter überströmt“.

In der aufstrebenden Provinzstadt Offenburg (Touristenprospekt: „IC- und TEE-Züge machen bei uns halt“) nimmt sich der joviale Medienfürst so übermächtig aus wie Gulliver inmitten der Zwerge. In „Burdapest“ ist es schlechterdings unmöglich, das 14stöckige Bürohochhaus des größten Arbeitgebers und Steuerzahlers am Ort zu übersehen. Für wohltätige Stiftungen – wie die einer Gedenksäule zu Ehren der Lokalpatronin St. Ursula – dankten die Stadthonoratioren „dem wagemutigen Schöpfer und zielbewußten Leiter ihres größten Betriebes“ mit der Wahl zum Ehrenbürger. Mit seinen Beschäftigten feiert Burda seinen 60. Geburtstag im Rahmen einer riesigen Zirkusgaudi für 3000 Besucher. Er war schon einer der Größten in der Branche, da redete er immer noch die Hälfte seiner Arbeiter mit dem vertrauten Vornamen an. Bei Burda ging es stets familiär zu. Die beruflichen Interessen seiner Betriebsratsvorsitzenden ließ sich der Herr über Deutschlands viertgrößten Medienkonzern besonders angelegen sein. Als 1976 andere Arbeitgeber ihre streikenden Drucker aussperrten, stoppte er zwar, der harten Kampfstrategie seines Arbeitgeberverbandes folgend, seine Rotationsmaschinen. Statt seine Leute aber einfach nach Hause zu schicken, lud der Patriarch von Offenburg sie zu einer Busfahrt in den Schwarzwald mit Bier und Blasmusik ein. Die Nähe zu seinen Leuten und ein schon frühzeitig entwickeltes betriebliches Sozialsystem, bei dem – so ein Spötter – „nur noch ein Burda-Beerdigungsinstitut fehlt“, haben ihm viel genützt. Die Gewerkschaft Druck und Papier ist in seinen Betrieben mit einem Organisationsgrad von weniger als 25 Prozent erheblich schwächer als anderswo.

Wie sehr bei Burda, ganz anders als bei Springer oder bei Bauer, die familiäre und die betriebliche Sphäre ineinander übergehen, wird am augenfälligsten in den alljährlichen Betriebsversammlungen kurz vor Weihnachten. Als sei er den Leuten Rechenschaft schuldig, nimmt Burda sich viel Zeit, um über „die Buben“ zu berichten, was sich über das Jahr an Berichtenswertem so angesammelt hat. Dabei kommt es sogar vor, daß er einen von ihnen unversehens in bester badischer Mundart auffordert: „Kumm ruff, red zu de Leut, zeig ihne, dasch de schwätze kannsch!“

Trotz „mancher Flausen“ hat Vater Burda für seinen Ältesten eigentlich nur Lob parat. Gelernter Tiefdrucker wie der Vater, übernahm Franz Burda der Dritte die technische Betriebsleitung bereits im Alter von 26 Jahren. Anscheinend ohne eine Spur verlegerischen Ehrgeizes, konzentrierte sich der hünenhafte Praktiker damals ganz auf die Leitung der Druckbetriebe in Offenburg und Darmstadt sowie auf die Druckerei im elsässischen Mülhausen und die zusammen mit der amerikanischen Meredith-Gruppe errichteten Werke in Virginia und North Carolina, USA.

Als Betriebsleiter der Druckerei in Darmstadt hatte Frieder Burda, der Zweitälteste, unter der Knute seines fast zwei Köpfe größeren Bruders, Franz, einen äußerst schweren Stand. Frieder, lange Zeit das Sorgenkind der Familie, schwamm sich erst frei, als ihm der seiner Finanzmanager überdrüssig gewordene Senior die Chance gab, sich in die kaufmännische Verwaltung einzuarbeiten. Heute aber übt Frieder Burda mit der Hand an der Konzernkasse die Kontrolle über seine beiden Brüder aus. Frieder war es, der die ersten Fäden zu Springer spann. Frieder sondierte später wegen der kartellrechtlichen Absegnung der vereinbarten „Elefantenhochzeit“ in Berlin.

Hubert, der Jüngste, hielt nichts davon, den blauen Kittel überzustreifen. Ihn zog es aus dem provinziellen Offenburg ins abwechslungsreichere München. Das Studium der Kunstgeschichte, Zeitungswissenschaft und Soziologie beschloß er mit einer Doktorarbeit über „Die Ruinen in den Bildern Hubert Roberts“. Die ihm innerhalb des Erbentrios zufallende Rolle des Verlegers brachte mit sich, daß „das Hubertle“ die harte Hand des autoritären Vaters am stärksten und am längsten zu spüren bekam.

Selbst als seine Söhne schon zu je einem Viertel Gesellschafter der Burda GmbH waren und 1974 eigene Familien hatten, wünschte der Senior mindestens einen von ihnen am Wochenende zum Rommeespiel in seiner Offenburger Villa zu sehen. Doch der stilvoll kultivierte Familiensinn konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es im Hause des passionierten Jägers um die Harmonie nicht immer gut bestellt war. „Über die Burdas könnte man ein ganzes Dallas-Drehbuch schreiben“, meint ein guter Kenner der Szene. Der ehemalige Bunte-Reporter Gerhard Eisenkolb brachte im vorigen Jahr einen 589 Seiten langen Schlüsselroman über den als Konrad Arber verfremdeten Medienherrn unter die Leute – Titel: „Der Senator.“ Wohl um dem Buch keine unerwünschte Publizität zu verschaffen, sahen die Burdas davon ab, den über allerlei Pikanterien plaudernden Reporter zur Rechenschaft zu ziehen.

Solche Zurückhaltung legten sich die Burda-Söhne nicht immer auf – etwa als es darum ging, die Memoiren ihres eigenen Vaters bis auf weiteres unter Verschluß zu halten. Unter dem Titel „Mit Doktorhut und Druckerschwärze“ hatte der Stuttgarter Seewald-Verlag die Burda-Erinnerungen für das Frühjahr 1979 bereits angekündigt, bevor die Familie die allzu privaten Enthüllungen ihres Seniors – angeblich gegen Zahlung einer sechsstelligen Abstandssumme – wieder vom Verlagsprogramm absetzen ließ. Die Lebenserinnerungen des Senators sollen nun erst nach dessen Tod und auch dann nur für den engeren Freundes- und Bekanntenkreis gedruckt werden.

Atmosphärische Störungen, über die man im Hause Burda nicht gerne spricht, führten auch zu Ehefrau Aenne Burdas Entschluß, es ihrem Mann geschäftlich gleichzutun. Aus dem kleinen, hochverschuldeten „Favorit“-Verlag, den sie 1948 in Lahr übernahm, machte die Tochter eines Offenburger Lokomotivführers das größte Modezeitschriftenhaus der Welt. Ihre Burda-Moden, erstmals 1949 ausgeliefert, ist mit einer Auflage von annähernd 1,5 Millionen Exemplaren heute die führende deutsche Modezeitschrift. Die zweimal jährlich erscheinenden Modeführer burda-International, weltweit erhältliche Burda-Schnittmuster sowie neuere Modehefte wie Carina, Anna und Irene rundeten den Erfolg der heute 73jährigen Verlegerin ab.

In einem eigenen, von dem Berliner Architekten Egon Eiermann entworfenen Bürogebäude dirigiert das „Engele“ Aenne Burda inzwischen ein stattliches Zeitschriftenimperium mit rund 170 Millionen Mark Umsatz und über 400 Beschäftigten. Sie ist mit Abstand der größte Druckkunde ihres Mannes, aber mitzureden hat der Senator bei seiner Frau offiziell nicht. Beteiligt sind am Verlag Aenne Burda KG nur die drei Söhne – mit Einlagen von jeweils 330 000 Mark – aber auch sie sind nur Kommanditisten mit beschränkten Befugnissen. Das Wort führt als alleinige persönlich haftende Gesellschafterin Aenne Burda.

Neben allen Erfolgen unterlief ihr aber auch der schwerwiegendste Flop der Burdas. Nach nur zwölf Ausgaben mußte im Herbst 1970 die mit einem millionenteuren Reklamerummel eingeführte Männerzeitschrift M bereits wieder eingestellt werden. Der mißglückte Start der Schnittmuster-Verlegerin auf dem schwierigen Markt für Männermagazine endete mit einem Verlust von weit über zwölf Millionen Mark.

Die Burdas verloren nicht nur das Geld. Nach dem Flop waren sie auch um eine Hoffnung ärmer: Ihr für das M-Produktmanagement verantwortlicher Hubert konnte sich nicht als erfolgreicher Blattmacher für größere Aufgaben empfehlen. „Ich wollte dem Jungen ein Pferd geben und sagen: Jetzt reit mal, Büble, aber ich hab’ es dem Bub zu früh gegeben“, gestand Franz Burda seinen Irrtum ein. Eingeweihte behaupten, Franz und Frieder hätten seinerzeit offen auf eine Entfernung ihres glücklosen Bruders aus der Firma hingearbeitet, seien jedoch am Widerstand der Mutter gescheitert, die sich spontan vor ihren Jüngsten stellte.

Nichts bewahrte den damals 30jährigen Hubert jedoch davor, aus der Münchner Verlagsdependence, die ihm der Senior eingerichtet hatte, wieder zurück nach Offenburg gerufen zu werden. Noch sechs Jahre, bis 1976, mußte Hubert warten, bis ihm sein Vater das Kommando über die Bunte anvertraute. Doch auch dann stand er unter ständiger Beobachtung. Der Selfmademan Franz Burda entschied stets nach seiner Intuition. Der Verlagserbe Hubert Burda bevorzugte sachverständigen Rat. Als er seinen Vater zu einem Fachgespräch mit dem Motivforscher Ernest Dichter hinbitten wollte, winkte Burda senior desinteressiert ab: „Wenn der so klug war, wie Du meinst, dann hätte er ja viel mehr Geld verdienen müssen als ich.“

Um „den Jungen noch einmal zu zeigen, was ein alter Mann mit Phantasie und Begeisterung noch leisten kann“, machte sich Franz Burda 1980 mit 77 Jahren an sein „letztes Werk“. In nur wenigen Tagen konzipierte er die Zeitschrift Pan, Untertitel: „Unsere herrliche Welt.“ Die Startausgabe eines neuen Bilderblatts „für Leute wie du und ich“ füllte der passionierte Kunstsammler – deutsche Expressionisten sind sein Hauptinteresse – mit Farbphotoberichten über Ludwig Kirchner, den Ägypter-König Tutenchamun, eine Mount-Everest-Besteigung und die bayerischen Ludwig-Schlösser. In der darauffolgenden Nummer sind Claude Monet, Versailles, Florenz und Reinhold Messners „K 2“-Gipfelabenteuer an der Reihe. Je verlorener und bedrängter sich der Mensch heute in seiner rauhen Umwelt fühlt“, so der „Mann mit der goldenen Nase“ zu seinem Alterswerk, „desto größer seine Sehnsucht nach den edlen, .schönen Dingen des Lebens und Erlebens, nach Wärme und Freude.“ Was kaum jemand für möglich hielt, wurde wahr: Ohne Marktforschung und Testmärkte erreichte Burdas Kunstzeitschrift für den Hausgebrauch in kurzer Zeit eine Auflage von über 200 000 Exemplaren.

Verständlich, daß ein so intensiv nach Harmonie strebender Mann wenig Lust verspürte, sich mit einer eigenen Tageszeitung oder gar einem scharf profilierten Magazin in die politische Arena zu stürzen. Nicht, daß Burda an politischer Berührungsangst gelitten hätte – ganz im Gegenteil: Seine ausgedehnten Jagdreviere vor den Toren Offenburgs und im Hochschwarzwald waren stets Treffpunkt der politischen Prominenz, darunter die CSU-Politiker Franz Josef Strauß und Richard Stücklen. Auf gutem Fuß steht Burda Senior aber auch mit dem SPD-Politiker Ex-Finanzminister Alex Möller und dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky. Der Sozialist, in dessen Republik Burdas Bunte die meistverkaufte Illustrierte ist, wurde 1978 zum 75. Geburtstag des Senators eigens nach Offenburg geflogen, um den Jubilar mit einer Ehrenprofessur der Wiener Universität zu erfreuen.

Hubert Burda, der verlegerische Erbe, hat versucht, sich aus dem Schatten des Übervaters zu lösen. Das Facelifting bei der Bunten ist nicht zu übersehen. Der joviale Vater fand Erfüllung darin, „Bambi“-Preise an Filmstars und -Sternchen zu überreichen. Der Filius stiftete einen mit 20 000 Mark dotierten Petrarca-Literaturpreis. Politisch scheint jedoch auch der Neu-Schwabinger Hubert Burda blaß geblieben zu sein. Seine engen Freunde aus der Münchener Schickeria, das Modefabrikantenpaar Willy und Sonia Bogner, der Herrenausstatter Harry Lindmayer oder der Fernsehkrimi-Darsteller Fritz Wepper (Derrick) haben mit Politik ebenso wenig im Sinn wie Huberts Editorials in der Bunten, in denen politische Probleme auf das Kleinformat der häuslichen vier Wände schrumpfen.

„Unser politisches Denken und Handeln bei Bunte“, so läßt er seine Leser wissen, „orientiert sich nicht an der Macht, sondern an dem einzelnen Menschen und seinem Weg zum Glück. Wir glauben“, so Burda jr. weiter, „daß sich dieses Glück weniger draußen, in einer Veränderung der Gesellschaft, sondern eher in der Privatsphäre finden läßt.“

Aber der Ehrgeiz des Jungverlegers, der sich zeitweise sogar in links-intellektuellen Kreisen heimisch fühlte und bis heute eine gewisse missionarische Neigung nicht verleugnen kann, läßt sich nicht allein an seinen Pflichtansprachen an das Bunte-Publikum messen. Hubert Burda möchte nicht nur die Bunte erfolgreich leiten, er will auch einmal ein politisch einflußreicher Verleger werden. Mit den Tages- und Wochenzeitungen aus dem Hause Springer würde er dazu zweifellos ein brauchbares Instrument in die Hand bekommen.

Die Motive für die geplante Beteiligung liegen jedoch – vor allem bei seinen Brüdern Franz und Frieder – anderswo. Mit dem Einstieg bei Springer würden sie auch noch auf dem hart umkämpften deutschen Medienmarkt über Nacht zur führenden Bertelsmann-Gruppe aufschließen. Die drei Erben könnten überdies einen großen unternehmerischen Schritt in die Zukunft wagen – erstmals nicht an der kurzen Leine des Vaters.

Dabei hält sich das Wagnis für die liquiden Burdas in einem kalkulierbaren Rahmen. Denn mit dem Zugriff auf Springer bekämen sie einen kerngesunden Konzern unter ihre Kontrolle. Durch ihren Coup würden sich wirtschaftliche Vorteile in allen Bereichen ergeben, von der besseren Auslastung der Burda-Betriebe durch zusätzliche Springer-Druckaufträge, über den Ausbau ihrer Stellung im Anzeigengeschäft bis hin zu kostensparenden Rationalisierungen im Versand- und Papiereinkauf.

Nur Springer selbst steht der Alleinherrschaft der Burda-Buben noch im Wege. Vor seinen Grossisten enthüllte Axel Cäsar Springer vor einigen Wochen in Berlin seine persönlichen Zukunftspläne: „Solange ich lebe, bleibe ich Herr im Hause.“