In Hamburg ist seit einer Woche etwas überaus Normales, trotzdem Außergewöhnliches, eigentlich für unmöglich Gehaltenes zu besichtigen. Es ist die Wiederholung der bisher größten und schönsten Ausstellung, die das Werk des preußischen Architekten, Stadtplaners und Baubeamten, des Malers, Bühnenbildners, Designers und Lehrers Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) erfahren hat, mannigfaltiger noch, als es der West-Berliner Ausstellung möglich war. Zusammengestellt zum 200. Geburtstag des bildenden Bau-Künstlers, war sie vom Oktober vergangenen Jahres an bis Ende März in seinem Alten Museum in Ost-Berlin zu sehen gewesen (und dort von gut 15 000 Menschen besucht worden). Sie ist danach, Anfragen aus anderen Ländern zum Trotz, aufgelöst worden. Jedoch, auf einmal wurde sie, schon wieder zerstreut, neuerlich zusammengetragen und für die Hamburger Kunsthalle neu und schöner, vor allem spannungsvoller komponiert.

Was war passiert? Haben sich da nur zwei Museumsleute in den Armen gelegen und, einig miteinander, den Austausch doch noch beschlossen und dann bei den Regierungen angeklopft, um Geld dafür lockerzumachen? War es bloß so, wie Mario Zadow in seiner Monographie erzählt: "Das Argument, ein Projekt zu Ruhm und Ehren des Vaterlandes verwirklichen zu wollen, benutzte Schinkel oft und meist dann, wenn er mit sachlichen Argumenten nicht weiterkam"? Mehr: Die Vaterländer nahmen die Sache selber in die Hand.

Die Wirklichkeit hing regenschwer an den Masten vor der Kunsthalle, die Fahnen von Deutschland (Ost) und Deutschland (West), die erste Flaggenparade für eine Kunstausstellung hier. Geladen waren in Wahrheit auch nicht die Kunstkritiker, sondern die möglichst in Ost-Berlin akkreditierten politischen Zeitungs-Korrespondenten. Selbst hinter dem Rednerpult waren die Kunstsachverständigen den Politikern weit unterlegen.

Und so wurde kaum noch Ascan Crone, der Syndikus der Hamburgischen Architektenkammer, als der pfiffige Initiator dieser außergewöhnlichen Unternehmung dafür gefeiert, daß er den Ausstellungswunsch seinem Kanzler Schmidt mit zum Werbelliner See an den Staatsratsvorsitzenden Honecker mitgegeben hatte, denn der Wunsch gehörte längst jemand anderem. Ewald Moldt, Leiter der Ständigen DDR-Vertretung in Bonn, sprach es aus: "Diesem Wunsch der Regierung der Bundesrepublik Deutschland wurde durch die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik entsprochen." So ließ der Staatsminister Philipp Jenninger vom Bundeskanzleramt in Bonn auch gleich Zweifel an den Hintergedanken beiseite räumen: "Wir begrüßen daher die Bereitschaft der Deutschen Demokratischen Republik, die Verhandlungen über ein Kulturabkommen wieder aufzunehmen."

Freilich, verhandelt werden muß, und zwar nicht unten, etwa bei den Museumsleuten, sondern immer ganz oben, dort, wo gedruckte Kleinigkeiten rasch zu staatspolitischen Affären werden, wie hier, wo sie diese Ausstellung um ein Haar hätten scheitern lassen: weil von den Staatlichen Museen zu Berlin/DDR die Rede war; weil daraufhin unser Außenminister mit dem innerdeutschen Minister und selbst dem Bundeskanzler erst auf den Ausweg kommen mußte, diese Ortsangabe – wie einen Eigennamen – in Gedankenstriche zu setzen; weil deswegen der erste Schinkeltransporter drei Tage im Regen stand und die Konservatoren es mit der Angst zu tun bekamen und umkehren wollten. Und obwohl alle es für albern hielten, durften im Titel des Kataloges die Lebensdaten Schinkels nicht gedruckt werden – weil sie im diplomatischen Notenverkehr nicht erwähnt, also fixiert worden waren.

Aber dann kamen die Politiker doch noch auf den Baumeister zu sprechen. Der eine (West) klagte, daß es Hamburg, "der wohl schönsten Großstadt Deutschlands", heute bedauerlicherweise an einem Stadtbaumeister vom Kaliber Schinkels gebreche. Der andere (Ost) durfte, ohne von Gelächter unterbrochen zu werden, behaupten, "die schöpferisch-kritischen Schinkelschen Gedanken" ließen sich nicht zuletzt am Massenwohnungsbau der DDR ablesen. Wenngleich auch nicht an der Mauer, weswegen sie denn in dem auch in Hamburg aufgestellten Stadtmodell des (Ost-)Berliner Zentrums gleich weggelassen worden ist.

Es ging da, wie man bemerkt, monatelang gar nicht wirklich um Schinkel, den Künstler, sondern um Schinkel, die politische Handelsware, und nicht um das Bildungsvergnügen der Bürger, sondern um die Prestigegelüste der Staaten. Hätte es keinen politischen Beweggrund gegeben, wären die Kunstfreunde um diese wunderschöne, überaus gescheit gemachte – und doch nur zweitbeste Schinkel-Ausstellung gekommen. Zur besten wäre sie geworden, wenn das Normale nicht anstößig wäre, nämlich die Auswahl des Alten Museums (Ost) aus dem Preußischen Kulturbesitz (West) zu ergänzen. Manfred Sack