Etwa drei Milliarden Mark geben die Deutschen jährlich für Spielzeug aus

Von Wilhelm Herzog

Niemand weiß warum. Plötzlich fragt alles nach Babypuppen. Sie sind groß wie Babys, schwer wie Babys und lassen sich baden wie Babys. Aber sie sind nicht neu, es gab sie schon im vergangenen Jahr unter verschiedenen Namen und von mehreren Herstellern. Damals verkauften sie sich kaum.

Gehofft hatten die Spielzeughändler in diesem Frühjahr schon, als sie fürs Weihnachtsgeschäft bestellten, daß aus der Babypuppe ein Renner werden würde, aber getraut hatten sie sich nicht so recht, jetzt haben einige nicht genug Puppen.

Es ist merkwürdig: Von 250 000 Spielzeugartikeln, die es gibt, von mehreren hundert verschiedenen Puppen wird ausgerechnet dieses Ding, das aussieht wie ein angehübschtes neugeborenes Baby, zum Verkaufsschlager. Einer der Hersteller, ein deutscher, nennt die Puppe daher auch konsequent „new born baby“.

Einen Renner hat die Spielzeugbranche dringend nötig. Denn sie hat Sorgen, ihr Umsatz geht zurück. Sie hofft nach schlechten zehn Monaten auf ein großes Weihnachtsgeschäft. Das könnte noch was bringen, denn im November und Dezember wird die Hälfte des Jahresumsatzes gemacht. Genauer gesagt: vom 15. November bis 24. Dezember. Früher fing das Weihnachtsgeschäft nach Allerheiligen an, also Anfang November. Heute fangen die Leute mit den Weihnachtseinkäufen vierzehn Tage später an, nach Buß- und Bettag. Nur die Eisenbahnkäufer und -verkäufer feiern zweimal Weihnachten. Das zweite Mal im Januar, dann kaufen alle die, die zu Weihnachten eine Eisenbahn bekommen haben, weitere Schienen, Signale und Wagen.

Bis vor wenigen Jahren war die Branche noch verwöhnt, da hat sie Jahr für Jahr mehr verkaufen können, im Inland wie im Ausland. Dann kam der Pillenknick. Die Zahl der Kinder im Spielalter sank um Hunderttausende. Aber nicht nur die Zahl der Kinder sank, die Kinder hören auch immer früher auf zu spielen. „Früher haben noch fünfzehn-, sechzehnjährige Mädchen mit Puppen, gespielt, heute fühlen sie sich schon mit zwölf zu alt dazu; sie wollen lieber ein Kassettengerät, damit sie ihre Stars hören können“, so sieht es Klaus Rasch, Mitinhaber vom Hamburger „Spielzeug-Rasch“, einem der größten deutschen Spielzeughäuser. Auch zwölfjährige Jungen kann man mit „Kinderkram“ nicht mehr begeistern.