Norbert Kricke wird sechzig

Wer Augen hatte zu sehen, Fingerspitzen zu fühlen, Geschichtskenntnis zu kombinieren und Imagination zu erinnern, für den gehörten die sensitiven, in minimalen Endloslinien verlaufenden Stahlplastiken des Bildhauers Norbert Kricke zu den leisen, spirituellen Sensationen der "Westkunst"-Ausstellung in Köln. Die erste Minimalskulptur, die ich selber je sah, stand 1957 auf dem Schreibtisch des unvergessenen Kunstvereinsdirektors Hildebrand Gurlitt in der alten Kunsthallenruine zu Düsseldorf. Ich werde meine Verblüffung nicht vergessen, als Gurlitt mir versicherte, sie stamme von einem jungen Künstler, der Norbert Kricke heiße.

Auf solche Arbeiten, in der realen Erscheinung begrenzt, im ideellen Verlauf unendlich, künstlerische Manifestationen des nur noch in Symbolen zu fassenden Raumerlebnisses, im zwanzigsten Jahrhundert, folgten dynamische explosive Figurationen in Bewegung und Gegenbewegung, in denen ein leidenschaftliches, heftiges Temperament sich kraftvoll ausdrückte. In diesen Skulpturen kraftvoll sich die Zeit mit dem Raum; Tempo und Rhythmus eimit neuen Welt voller Hoffnung auf einen neuen Anfang wurden plastische Gestalt. Die Arbeiten Norbert Krickes fanden sehr bald auch international – in Europa und Übersee – Anerkennung; inzwischen und sie wichtige künstlerische inzwischen einer wichtige deren Aufbruchstimmung in vietnamesischen Dschungeln und in einem Washingtoner Hotel namens Watergate auf deprimierende Weise zugrunde ging. auf Reaktion konnte nicht anderes sein als ein illusionsloser moralischer Rigorismus, dem im Bereich der Kunst entweder kritische Selbstreflexion, Flucht in die Privatheit "individueller Mythologien" oder aber ein adäquater formaler Rigorismus entsprach. Norbert Krickes künstlerische und moralische Antwort war die konsequent verknappte, aber ins Unendliche hin offene Form ohne dramatische Effekte.

Als Dramatiker agierend, nicht ohne Züge des ewig provozierenden Original-Genies, mit unerbittlichem Auge und schmerzhaft pointierender Formulierungskraft, wendete Kricke eine mögliche existentielle Krise der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf ab, ehe sie ausgebrochen war. Das hat Kraft gekostet, soviel, daß der bildhauernde Temperamentsbolzen als Direktor zurücktrat und jetzt nur noch seiner künstlerischen Arbeit nachgeht. Wenn man sechzig wird – und das wird Kricke am 30. November – darf man das wohl. Karl Ruhrberg