Von Ulrich Greiner

Das ist der bösartigste Film, über den ich je gelacht habe. Der Dorfpolizist Lucien zwingt mit vorgehaltener Pistole die beiden Zuhälter, die ihn gequält und gedemütigt haben, ein Lied zu singen. Unsicher lachend, weil sie die Drohung des Trottels nicht ganz ernst nehmen, singen sie, zunächst leise, dann kräftiger und lauter, und mitten in der zweiten Strophe knallt Luden die beiden ab. Die Leichen rollt er die Böschung hinunter zum Fluß. Dabei tritt er den toten Schuften kräftig in die Eingeweide. Die helle Freude springt ihm aus den sonst melancholischen Augen. Lucien sagt zu den Toten: "Ich weiß, daß es nicht sehr anständig ist, euch so zu behandeln." Wieder gibt er ihnen einen Tritt. "Aber erstens macht es mir großen Spaß. Und zweitens riskiere ich nichts dabei."

Die Freude Luciens ist die der Zuschauer. Bis zu diesem Zeitpunkt war Lucien ein schwerfälliger, von seinen Mitmenschen gepeinigter Fettsack, wehrloses Opfer von Intrigen, Bosheiten, Demütigungen. Jetzt wehrt er sich, endlich. Indem er sich wehrt, wird er zum Monstrum.

Die Menschen in Bertrand Taverniers Film "Der Saustall" (Coup de torchon) sind alle Monstren. Sie lügen, sie betrügen, die allergröbsten Schimpfworte sind ihr ständiges Vokabular, wenn sie lachen, dann aus Schadenfreude, wenn sie zärtlich sein wollen, greifen sie einander unter den Rock oder an die Hose.

Das Merkwürdige an Taverniers Film ist, daß uns diese Monstren anfangs gar nicht monströs vorkommen. Die Frauen sind hübsch, die Männer tragen elegante Anzüge. Und alle benehmen sich ja so, wie wir es gewohnt sind, vielleicht etwas gröber, aber das mag dem Schauplatz zuzuschreiben sein: Der Film spielt im Jahre 1938, in Bourkassa Ourbangui, einem Tausend-Seelen-Kaff in Französisch Westafrika. Die französischen Kolonialherren leben mit Hilfe ihrer geschurigelten Negersklaven ein träges, angenehmes Leben, umgeben von Sand und Sonne.

Nur der Dorfpolizist Lucien ist anders. Der liebste Ort ist ihm das Bett. Dort liegt er zusammengerollt, endlich mit sich und seiner traurigen Seele allein. Die Ruhe währt nie lange. Entweder ist es sein ehebrecherisches Weib, das ihn mit Schlägen aus dem Bett treibt, oder seine geile Freundin Rose (Isabelle Huppert), die immer nur das Eine will und ihn nicht schlafen läßt. So muß er dann hinaus ins feindliche Leben. Schwitzend und mit verrutschter Uniform macht er seine Patrouillen. Er sieht dabei viel Gesetzwidriges. Einer verprügelt seine Frau, ein anderer seinen Sklaven, die Zuhälter spielen Zielscheiben-Schießen mit Negerleichen. Lucien schreitet nicht ein, er tut nichts. Er trinkt Schnaps und wischt sich den Schweiß vom kurzhaarigen Schädel.

Der große französische Filmschauspieler Philippe Noiret spielt Lucien. Noiret ist kein Filmstar, weil er nie Helden spielt. Er ist der etwas angeleibte Durchschnittsfranzose, nett, nicht unsympathisch, gutmütig, aber mit Abgründen und Finsternissen, die plötzlich das harmlose Gesicht verdunkeln,