Von Jürg Altwegg

Frankreichs linkes Fernsehen hat viele Gesichter, angenehme und abstoßende. Nach mehr als einem Jahr „sozialistischer Programme“ ist eine vorläufige Bilanz möglich: mehr Kultur, mehr journalistische Unabhängigkeit und generell mehr Niveau, aber auch eine größere Weltoffenheit dürfen verbucht werden. Allerdings sind alle diese Errungenschaften überaus gefährdet.

In der Geschichte des französischen Staatsfernsehens, dessen Direktoren vom Ministerrat eingesetzt – und abgelöst – werden, kann man bis 1981 zwei Epochen ausmachen. In der Amtszeit von de Gaulle ebenso wie unter dessen Nachfolger Pompidou war es die „Stimme Frankreichs“ und seines Herrn; Propaganda und Zensur bestimmten seinen Ton, und dies war dem Zuschauer damals durchaus bewußt. Der Unterhaltungsteil war um Niveau und französische Qualität bemüht – er hatte einen durchaus pädagogischen Akzent. Nach dem Streik der Techniker und Journalisten im Mai ’68 kam es zu gründlichen Säuberungen, denen Hunderte von Angestellten zum Opfer fielen.

Mit Giscard begann eine liberale Epoche: weniger Staatspropaganda, dafür mehr Werbung. Die Zensur wurde gelockert, die Information verstärkt ins kommerzielle Umfeld der Unterhaltung integriert: damit begann die gnadenlose Diktatur der Einschaltquoten. Die Machthaber erhofften sich vom wirtschaftlichen und politischen Liberalismus weniger zufällige Effekte als von der staatlich gelenkten Information, die den Mai ’68 und de Gaulles Scheitern nicht hatte verhindern können.

Wie in anderen Bereichen kamen Giscards gesellschaftspolitische Dynamik und seine Reformversprechen, mit denen er 1974 gegen Mitterrand gewonnen hatte, auch im audiovisuellen Bereich über hoffnungsvolle Ansätze nicht hinaus. Als sich der staatliche Druck auf die Medien wieder verstärkte, lag dies zu großen Stücken an seiner Arroganz und Eitelkeit. Wenn Giscard am Sonntag die Messe besuchte, beorderte er persönlich die Filmequipe vor die Kirche, und die Bilder mußten, auf sein Geheiß in die 13-Uhr-Tagesschau, welche im katholischen Frankreich von den Familien zum Mittagessen eingenommen wird. Es gab eine direkte Telephonleitung vom Elysée in die Fernsehstudios, und im monatelangen Wahlkampf wurde fast nur noch um Präsenzzeiten auf dem Bildschirm gefeilscht – Und dabei die Linke klar benachteiligt. Bei öffentlichen Auftritten ihrer Kandidaten wurden die Applausszenen systematisch weggeschnitten und die trivialsten Ausschnitte gesendet, Giscard hingegen stets nach allen Regeln der Kunst in ein günstiges Licht (der Scheinwerfer) gerückt.

Seine Niederlage war nicht zuletzt eine Ekelreaktion auf seinen Personenkult: man hatte genug von ihm – er war „verbraucht“ und wurde zum Opfer seiner liberalen Ideologie Am 5. Mai, als dreißig Millionen Franzosen das einzige Duell der beiden Kandidaten verfolgten und sich sieben Prozent in ihrer Wahlentscheidung beeinflussen heißen, war Mitterrand, den Giscard sieben Jahre zuvor als „Mann der Vergangenheit“ abzustempeln verstanden hatte, nun plötzlich das frischere Produkt, die Neuheit auf dem Markt der Präsidentschaftswahlen.

In keinem anderen nichttotalitären Land ist das Fernsehen derart monopolistisch und in das republikanisch-nationale Ritual, als dessen Medium es funktionieren muß, integriert wie in Frankreich. Bald merkten die Franzosen, daß das vielbeschworene „changement“ da stattfand, wo man es eigentlich am wenigsten erwartet, hatte: auf dem Bildschirm. Hier hat sich das Leben im Land am radikalsten und schnellsten geändert.