ZEIT: Herr Minister, Sie plädieren für einen freien Welthandel. Sind die Handlungsweisen Ihrer Regierung davon nicht das exakte Gegenteil?

Rees: Das kann man so nicht sagen. Wir halten uns natürlich an die Regeln des freien, aber auch des fairen Handels. Aber wir sind nicht nur Philosophen, sondern auch Pragmatiker. Und das bedeutet: Wenn unsere Industrie sich in einer Talfahrt befindet, oder sagen wir besser, in einer Zeit der Rekonstruktion, dann müssen wir ihr natürlich unter die Arme greifen.

Beispiel Textilindustrie. Über die Probleme, die diese Branche bekanntlich nicht nur in meinem Land hat, habe ich unlängst mit Graf Lambsdorff diskutiert, weil wir unsere Position innerhalb der EG abstecken wollten.

ZEIT: Das Beispiel Textilindustrie ist nach Meinung etlicher Experten auch ein hervorragendes Beispiel für Protektionismus ...

Rees: Ich gebe zu, daß dies protektionistisch ist – aber wir können uns doch gar nicht anders verhalten, wenn wir unsere Industrie während dieser "Übergangsphase" vor Importen aus Billig-Ländern schützen wollen.

Das gilt auch für unsere Stahlindustrie. Für diese Branche sind wir – wie übrigens alle europäischen Regierungen – Protektionisten. Kein Land kann doch im Ernst für sich in Anspruch nehmen, absolut freien Handel in allen Bereichen zu verwirklichen.

ZEIT: Bleibt vom vielzitierten freien Handel dann am Ende nicht lediglich der Subventionswettlauf der Regierungen übrig?