Was in unserer Zeit ganz selbstverständlich zu sein scheint, nämlich daß fehlende Zähne durch künstliche, ja ganze Gebisse durch Prothesen ersetzt werden können, das war noch im vorigen Jahrhundert ein ungelöstes Problem. Und wer sich an Goethes "Mann von 50 Jahren" erinnert, der seine Heiratsabsichten aufgab, als er einen Schneidezahn verlor, der wird vielleicht zu dem Schluß kommen, daß in noch früheren Zeiten an Zahnersatz überhaupt nicht zu denken gewesen sei.

Aber dieser Schluß wäre falsch. In Wahrheit waren schon Etrusker und Römer Meister im Anfertigen von Zahnersatz. In der langen Zwischenzeit aber gingen ihr Wissen und ihr Können verloren. Wahrscheinlich war die von ihnen beherrschte Technik plötzlich gar nicht mehr gefragt, weil christliche Lehren das Diesseits als leeren Schein und den Körper als Gefängnis des Geistes abtaten, von dem die gefangene Seele je eher desto besser befreit sein sollte zu einem ewigen Leben bei Gott. Da wären künstliche Zähne als Teufelswerk gewertet worden, als Lug und Trug, als Blendwerk überdies, das allenfalls sehr reichen Leuten zugänglich gewesen wäre.

Letzteres galt auch noch zur Goethe-Zeit. Auch da konnten (oder wollten) sich nur wenige Leute künstliche Zähne leisten. Daß so etwas nicht allein höchst kostspielig, sondern meistens mit Enttäuschung und Ärger verbunden war, ist von George Washington bekannt, dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der vor allem durch Bodenspekulation schwerreich gewordene Washington war 66 Jahre alt, als ihm seine künstlichen Zähne, ein aus den Zähnen eines Nilpferdes gefertigtes Gebiß, Kummer machten. Sie hatten ihr ursprüngliches Weiß verloren und wurden fast schwarz. Washington, zu der Zeit (1798) nicht mehr im Amt, wollte den Grund wissen, wollte vielleicht gar reklamieren. Jedenfalls schickte er das Gebiß dem Zahnarzt, der es ihm gemacht hatte. Die schriftliche Antwort des Zahnarztes ist erhalten:

"Sir: ich sende Ihnen beiliegend zwei Sätze von Zähnen, einen zum Teil an den alten Stangen befestigt, und den Satz, den Sie mir geschickt haben, der, als ich ihn erhielt, sehr schwarz war, wahrscheinlich weil Sie ihn entweder mit Portwein getränkt oder weil Sie Portwein getrunken haben. Portwein ist sauer, nimmt alle Politur weg, und jede Säure hat die Neigung, alle Arten von Zähnen und Knochen aufzuweichen. Säure wird bei der Färbung jeder Art von Elfenbein benutzt und ist daher sehr schädlich für die Zähne. Ich rate Ihnen, sie entweder nach dem Essen herauszunehmen, sie in klares Wasser zu stellen und einen anderen Satz einzusetzen, oder sie mit einer Bürste und etwas fein gemahlenem Kalk zu reinigen ..."

Daß viele Jahrhunderte zuvor schon die Römer solche Sorgen hatten, geht aus Versen des Dichters Martial (1. Jh.) hervor: "Thais Zähne sind schwarz, schneeweiß Laecanias Zähne. Wie das kommt? Eins sind eigene, die anderen gekauft." Wie ein anderer Vers Martials zeigt, konnte es sich bei "gekauften"’ Zähnen um ganze Gebisse handeln oder doch um Teilprothesen: "Und zur Nacht legst Du deine Zähne beiseite wie dein seidenes Kleid." Jahrzehnte vor Martial beschrieb der Dichter Horaz zwei Witwen, die so schnell gelaufen seien, daß eine dabei ihr Gebiß verlor. Ja, bereits das im 5. vorchristlichen Jahrhundert entstandene Zwölftafelgesetz, die älteste überlieferte römische Gesetzgebung, erlaubt die Vermutung, daß Zahnersatz keine Seltenheit gewesen sein kann. Da gab es nämlich das Verbot, Toten bei der Bestattung Gold mit ins Grab zu geben, doch wurde hinzugefügt, daß sie das Gold ihrer künstlichen Zähne behalten durften.

Dabei konnte es sich um Zähne aus Gold handeln oder – wie archäologische Funde beweisen – um Schlaufen aus goldenen Drähten oder flachen Bändern, mit denen künstliche Zähne aus Elfenbein zwischen noch vorhandenen Zähnen gehalten wurden. Ganze Brücken aus drei bis vier Kunstzähnen wurden auf diese Weise fest mit dem gewachsenen Gebiß verbunden oder so gearbeitet, daß sie herausnehmbar waren. Die Funde stammen aus etruskischen Gräbern.

Nicht nur der Bedarf an Zahnersatz bei Etruskern und Römern und schon bei den Ägyptern – auch in einem Grab aus der IV. Dynastie wurden durch Golddraht verbundene künstliche Zähne gefunden – beweist, daß Karies und andere Zahnerkrankungen keineswegs eine Folge der modernen Zivilisation sind, sondern den Menschen schon vor Jahrtausenden zu schaffen machten. Noch deutlicher macht dies der Befund der erhaltenen natürlichen Zähne, etwa bei den Mumien. Karies, auch Abszesse an Zahnwurzeln, waren weit verbreitet. Schon die Ägypter, bei denen es ja für die verschiedensten Krankheiten besondere Fachärzte gab, hatten Spezialisten, die sich nur mit der Behandlung von Zahnkrankheiten befaßten. Sie wußten Mittel, um locker gewordene Zähne wieder zu festigen. Und hohle Zähne versahen sie mit Füllungen aus Gemischen von Ocker, Steinmehl ("Abgeriebenes von Mühlsteinen"), Samenkorn des Emmer, Malachit, Terebinthenharz und Honig.