8Babylonische Gefangenschaft der Kirche"? Der plastische Titel weckt mehr Erwartungen, als er erfüllen kann. Denn nicht primär um die bedrückenden kirchlichen Zustände und Mißstände geht es in dieser Schrift, um Kritik und Reform an Papsttum, Priestertum und Mönchtum, um Unabhängigkeit von deutscher Kirche und, Kaisertum, alle diese praktischen Fragen einer seit den Reformkonzilien im Jahrhundert zuvor angestrebten - kirchlichen Erneuerung.

Nun, es ist eine Schrift zum Thema: die sieben, Sakramente! Die Frage mag erlaubt sein: Was soll denn gerade an den Sakramenten in dieser Zeit so wichtig sein? Doch Luther selber - ein Meister nicht nur" der Sprache, sondern auch des situationsgerechten, zielsicheren theologischen Vorstoßes - hielt diese Problematik für so zentral, daß er, von Fach Exeget der Heiligen Schrift und kein Systematiker, ihr seine wohl einzig streng systematische Schrift gewidmet hat. Und nicht die beiden voraufgehenden "An den christlichen Adel" und "Von der Freiheiteines Christenmenschen", sondern diese Schrift über die scheinbar so fernliegende Problematik wie die Sakramente war es, die im Durchbruchsjahr der Reformation (1520: nach der Wahl Kaiser Karls V römische Bannandrohungsbulle und Appell Luthers an ein allgemeines Konzil) die Geister schied. Bei oberflächlicher Lektüre der Adels- und Freiheitsschrift konnte man noch den Eindruck haben, es ginge Luther nur um Mißstände- und Freiheitsreform, und manche Zeitgenossen hatten denn auch den ersten Schriften zugestimmt; bei der dritten aber war die Grenze des innerkatholisch Tolerablen überschritDies war auch die Erfahrung Luthers selbst gewesen, nachzulesen auf den ersten Seiten der neuen Schrift. Mit einer relativ harmlosen, damals weit verbreiteten Kritik an den Mißständen hatte er begonnen. Die unvernünftigen Gegenangriffe seiner theologischen Kontrahenten aber zwangen ihn, seine Kritik zu radikalisieren und bis aufs Grundsätzliche vorzustoßen: so war es beim Ablaß, so jetzt auch beim Sakramentenverständnis. Die Fronten, die damals aufgerichtet wurden, bestimmen die theologische wie praktische Problemlage der westlichen Christenheit bis auf den heutigen Tag. Luthers Kritik kann auch heute nicht verharmlost werden: Sie bedeutet, nachdem der päpstliche Primat, die Unfehlbarkeit der Konzilien und die katholische Rechtfertigungslehre in Frage gestellt wurden - nicht nur einen radikalen Angriff auf das traditionelle Sakramentsverständnis in seiner ganzen Breite, sondern zugleich einen radikalen Angriff auf die Kirche selbst in ihrer hoch- und spätmittelalterlichen Gestalt - ein Ereignis von wahrhaft weltgeschichtlichem Ausmaß!

Und das Resultat mußte denn damals auch mehr als Revolution denn als Reformation wirken. Von den sieben traditionellen Sakramenten können nur drei als echt evangelisch anerkannt werden, und auch diese drei echten müssen aus dem menschlichen Gefängnis, in das sie die römische Kurie (Rom = Babylon) im Lauf der Jahrhunderte gesteckt hat, befreit werden.

Um was ging es Luther bei dieser Tat, die das ganze Angesicht der Kirche verändern sollte? Luther ging es radikal um das eine: den kompromißlösen Gehorsam gegenüber Gottes Wort, wie es in der Schrift bezeugt ist, das Evangelium. Deshalb: was in kirchlicher Praxis und Theologie vom Wort Gottes, vom Evangelium gedeckt ist, ist zu bejahen; was diesem widerspricht, abzulehnen. Daraus ergeben sich zwei radikale Forderungen, die den Aufbau von Luthers Schrift bestimmen : Befreiung der drei echten und Verwerfung der vier unechten Sakramente!, : Befreiung der drei echter Sakramente: AbendV mahl, Taufe, Buße. Jede schriftwidrige Deutung und Handhabung eines Sakraments bedeutet seine Gefangensetzung, und aus, dieser Gefangenschaft müssen nach Luther Abendmahl, Taufe und Buße befreit werden, um die Kirche selbst wieder frei sein zu lassen. Das bedeutet zum Beispiel für das Abendmahl: Statt der Kelchentziehung ein Kelch für alle, auch die Laien; statt einer komplizierten theologischen Lehre von der Verwandlung von Brot in den Leib und vom Wein in das Blut Christi der einfache Glaube an Christi Gegenwart in, Brot und Wein; statt der Messe als gutes (und gut zu bezahlendes) Werk und Opfer die Messe als im Glauben ergriffene Verheißung Gottes und Vermächtnis Christi. Die übrigen vier Sakramente jedoch - Firmung, Priesterweihe, Letzte Ölung, kirchliche Eheschließung - können nach Luther zwar als fromme kirchliche Bräuche und Zeremonien mit einigen Modifikationen beibehalten werden, aber echte, das heißt von Christus selber eingesetzte Sakramente sind sie nicht.

Martin Luther wurde wenige Monate nach Veröffentlichung dieser Schrift von Rom exkommuniziert. Doch erst ein Vierteljahrhundert später hat die verunsicherte katholische Amtskirche auf seine Sakrarnentenlehre; in aller Form geantwortet. Ein Jahr nach Luthers Tod (1546) verurteilte ein aus rund 70 italienischen und spanischen Prälaten zusammengesetztes Konzil in Trient (die östlich qrthodoxen, die protestantischen und die katholisch gebliebenen deutschen Kirchen wären praktisch nicht vertreten) die lutherische Lehre insgesamt schon in ihrem ersten Verurteilungssatz: "Wer sagt, die Sakramente des neuen Gesetzes seien nicht alle von unserem Herrn Jesus Christus- eingesetzt oder sie seien mehr oder weniger als sieben , der sei ausgeschlossen Diese Verurtei