"Märchen aus Wales", herausgegeben and übersetzt von Frederik Hetmann. Archäologische Ausstellungen haben uns in letzter Zeit häufig die Kultur der Kelten nahezubringen versucht, die – zumindest, was den west- und süddeutschen Raum, Österreich, die Schweiz und Frankreich angeht – die Vor- und Frühgeschichte Westeuropas entscheidend mitgeprägt haben. Wales ist neben Schottland, der Bretagne und Irland eine jener Regionen, in denen sich die Zeugnisse des phantasmagorischen Erzählens der Kelten am längsten lebendig erhielten. Nur fünfzig Meilen von den Großstädten Englands, von Liverpool, Birmingham und Bristol entfernt, liegt ein Gebiet, das zwar politisch zu Großbritannien, zum Vereinigten Königreich, gehört, dessen Einwohner aber bis heute eine keltische Sprache sprechen und darauf beharren, zumindest gewisse Züge ihrer nationalen Identität zu bewahren. Ehe sich Hetmann an die Manuskriptarbeit machte, hat er zu Fuß Teile von Wales durchwandert, um sich so den hier besonders wichtigen Zusammenhang von Folklore und Landschaft zu vergegenwärtigen. Sein Band enthält vor allem eine gründlich kommentierte Neuübersetzung jener frühen sagaähnlichen Texte der "Zweige des Mabinogi", daneben eine Vielzahl von Feenmärchen, die belegen, daß auch in Wales die "Anderswelt" Teil der keltischen Tradition ist. Ein ausführliches Nachwort beleuchtet die Kulturgeschichte und die Entwicklung der wichtigsten Märchen-Motive.

(Reihe "Märchen der Weltliteratur", Eugen Diederichs Verlag, Köln, 1982; 238 S., 28,– DM)

Wolfgang Ebert: Taschen-Theater – 72 Splits. Den kennt man. Den Autor nämlich, der aus der Schublade, in die er sich selber gesteckt hat, raus will. So auch Wolfgang Ebert, ZEIT-Satiriker, Bühnenautor, Verfasser autobiographischer Romane. Sein Ausweg: "Kleine Geschichten, die in eine Hand passen" (Michael Krüger), kurze Prosastücke, die im Laufe eines Jahres entstanden sind und von ihm "Splits" genannt werden. Die meisten davon sind Ebert auf einer Amerika-Reise eingefallen, als er, sozusagen "sprachlos", durch das riesige Land fuhr und sich sehr klein vorkam. In dieser unvertrauten, unheimischen Welt fand er Gesprächspartner vorwiegend in der eigenen Phantasie. Und ihm wurde noch bewußter als sonst, daß die vielbeschworene Realität nur in Ausschnitten, kleinen Partikeln, Splittern, eben in "Splits" erfahr- und erfaßbar ist. Die "Splits" in Wolfgang Eberts Taschen-Theater – ein Teil davon ist in der ZEIT erschienen – zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Was darunter liegt, bleibt der Vorstellungskraft des Lesers überlassen. Was den Akteuren in diesem Taschen-Theater widerfährt, hat manchmal mit Verfehlungen zu tun, auch mit Verstörungen. Darum sind manche auch ein bißchen unheimlich. Die "Splits" sind keiner der gängigen literarischen Gattungen zuzurechnen. Es sind weder Gedichte, noch Szenenanweisungen zu Pantomimen, oder Clownnummern, es sind keine Dramoletten, keine Wort-Comics. Es sind schlicht und einfach Splits. (Mit einem Nach-Split von Michael Krüger; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 128 S., 18,– DM.)