Die Spitze des Eisbergs sieht noch ganz freundlich und harmlos aus. Erst unter Wasser wirds fürchterlich, von dort droht die eigentliche Gefahr. Der Mann, der, vielleicht von einer Fahrt in die Arktis zurückkehrend, zum ersten Male, etwa bei einem großen Betrugsmanöver, darauf hinwies, da sehe man erst die Spitze des Eisberges, hatte ein großartiges Bild, eine glänzende Metapher gefunden. Solches Finden und Metapher von Bildern gibt der Sprache Kraft und Anschaulichkeit, und das um so mehr, je weiter hergeholt die Bilder scheinbar sind.

Eine Zeitlang kann das Bild mit Erfolg übernommen werden. Es gibt immer noch Leute, die es als überraschend und daher als schön empfinden. Aber nach ein paar Wochen oder ein paar Jahren kommt dann der Tag, dann ist das Bild entweder so verblaßt, daß es Umgangssprache geworden ist („einen tiefen Eindruck hinterlassen“), oder so abgegriffen wie unser Eisberg.

Während der Gebrauch neuer Bilder von Phantasie und plastischem Ausdrucksvermögen zeugt, erregen abgegriffene Bilder bald Langeweile und Überdruß. Manche haben lange Zeit ihren Kurswert gehabt, bis wir sie nun allmählich doch nicht mehr hören können: der Zahn der Zeit – der rote Faden – der springende Punkt – die Achillesferse – das mit dem Bad ausgeschüttete Kind – die kalte Schulter – des Kaisers Bart. Andere haben eine kurze Mode schnell überlebt: das Ende der Fahnenstange – locker vom Höcker – weg vom Fenster – in den Griff kriegen.

Schlimmer noch als die abgegriffenen Bilder sind die falschen Bilder. Da genügte es einem nicht, sich zwischen zwei Stühle zu setzen, er wollte mehr, er wollte „sich zwischen alle Stühle setzen“ – das aber ist rein physikalisch nicht möglich. Auch „im luftleeren Raum schweben“ ist nicht möglich, jedenfalls im Anziehungsbereich der Erde nicht. „Der Spaltpilz“ wird völlig verkannt, wenn man ihm zutraut, daß er etwas spaltet; er spaltet allenfalls sich selber. Ein schon in meiner Jugend geläufiger bildhafter Vergleich hat mir immer Verständnisschwierigkeiten bereitet: Paßt die Faust nun gut aufs Auge oder nicht? Um unseren Unwillen über eine uns nichtssagende Redensart Luft zu machen, erfanden wir: Das paßt wie der Faust aufs Gretchen.

Wer gern in Bilderschmuck schreibt, hat jedoch nicht nur die abgegriffenen und nicht nur die falschen Bilder zu fürchten, sondern mehr als alles die Bildervermischung, die so alt ist, daß sie in der Rhetorik einen gelehrten griechischen Namen hat: Katachrese.

Die lustigen Beispiele sind so bekannt wie das totgeborene Kind, das sich im Sande verläuft: „Der Zahn der Zeit, der so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.“ „Dieses Schreckgespenst ist so abgedroschen, daß nur noch ein politisches Wickelkind darauf herumreiten kann.“

Andere unterlaufen uns dauernd, auch in dieser Zeitung: „Lothar Späth beweist, daß er das Ohr am Puls des Volkes hat“ (Stuttgarter Nachrichten) – „Die Verantwortlichen schieben die ungelösten Probleme vor sich her wie einen Bauchladen des Versagens“ (FAZ) – „Wir danken dem Verlag für seine mutige Tat, im erotischen Sumpf der Gegenwart die Fahneder Hoffnung aufgerichtet zu haben“ (Reform-Rundschau).