Die Terroristen: Von Fahndern gejagt, im linken Lager abgeschrieben

Von Gerhard Spörl

Die Geschichte der „Roten Armee Fraktion“ ist kurz und weist eine Logik auf, die sich an eigenen Gesetzen ausrichtet. Deshalb gab es noch allemal unliebsame Überraschungen, wenn die RAF voreilig für tot erklärt worden war. Das war schon 1972 so, als Ulrike Meinhof und Andreas Baader festgenommen wurden. Damals konnte sich niemand vorstellen, daß sie Nachfolger finden würden. Die zweite Generation ging ebenfalls in Corona hinter Gitter; das war 1974. Aber drei Jahre später zeigte sich wieder: andere hatten die Kalaschnikow in die Hand genommen; die dritte Generation erklärte der Bundesrepublik, „dem Kronprinzen des US-Imperialismus“, den Krieg, und sie führte ihn menschenverachtend und zynisch wie je („Wir haben heute der erbärmlichen und korrupten Existenz Schleyers ein Ende gesetzt“).

Einen so unumstrittenen und selbstherrlichen Kommando-Chef wie vordem Andreas Baader gab es seither nicht wieder. Die strikte Einteilung in „Köpfe“ und subordinierte „Kämpfer“ widerlegte ein RAF-Abtrünniger schon vor Jahren: „Kopf ist immer der, der sich die knallhärtesten Sachen einfallen läßt.“ Auch das Bundeskriminalamt, das sich seine Intimfeinde hierarchisch gegliedert vorstellte, glaubt heute nur noch bedingt daran. Dennoch galt ihm Brigitte Mohnhaupt, die vor zwei Wochen gemeinsam mit Adelheid Schulz in die sorgsam aufgebaute Falle ging, als dynamische Bandenchefin; sie hatte im Jahre 1977 die versprengte und nervenschwach gewordene Guerilla um sich gesammelt. Aber auch von Christian Klar, kurz darauf in der Nähe von Hamburg nach jahrelanger Hetzjagd festgenommen, nahm das BKA an, er sei der Lenker und Planer zugleich gewesen.

Kein Zweifel, der Erfolg macht überschwenglich: Jeder gefangene Terrorist ist der jeweils gefährlichste.

Klar war wohl kaum der Kopf, aber er war zur Symbolfigur der neuen RAF avanciert. Dazu eignete er sich allein durch seine Vita: Klar kommt aus bürgerlichem Hause; als Student in Karlsruhe setzte er sich bei den damals grassierenden „Komitees“ für die „geschundenen und gefolterten Gefangenen“ Meinhof, Baader, Ensslin und Raspe ein. Er lebte in einer Kommune mit Knut Folkerts (1977 in Holland festgenommen) und Günter Sonnenberg (1978 bei einem Schußwechsel mit der Polizei schwer verletzt). Anfang 1977 tauchte Klar ab – rekrutiert von Brigitte Mohnhaupt, wie angenommen wird.

Wo immer in den folgenden Monaten und Jahren geschossen und geraubt wurde, davon ist die Bundesanwaltschaft überzeugt, war auch Klar dabei: Anfang 1977 bei einem Mordversuch an einem Schweizer Zollbeamten; beim Mord an Jürgen Ponto; bei der Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers und seiner Begleiter.