Von Horst Bieber

Die alternative Bewegung kann sich des Vorzugs erfreuen, mit Joseph Huber einen Anreger, Theoretiker und Chronisten in einer Person zu besitzen. Was der Berliner Sozial-und Wirtschaftswissenschaftler über die Alternativen oder Ökologie geschrieben hat, zählt zum Informativsten auf dem nicht gerade kleinen Publikationsmarkt dieser Bewegung. Dieses "Vor"-Urteil verleiht seinem jüngsten Buch einen – ungewollten? – "Hinter"-Sinn:

Joseph Huber: "Die verlorene Unschuld der Ökologie"; S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1982; 232 S., 26,– DM.

Vorweg: Es ist in vieler Hinsicht ein enttäuschender Opus. Zwar erweckt die vorangestellte Danksagung den Eindruck langer und schwieriger Schreibarbeit, aber die Lektüre vermittelt dann einen anderen Eindruck: viele Zahlen und Tatsachen, fleißig zusammengetragen, aber oft lieblos und hastig zusammengestellt, von der Originalität seines vorigen Buches "Wer soll das alles ändern. Die Alternativen der Alternativbewegung" weit entfernt. Schon dieses "Rotbuch" aus dem Jahre 1980 verriet freilich keinen überschäumenden Optimismus für die Sache einer alternativen Wirtschaft, aber es beschrieb scharfsinnig und intelligent Lücken und Nischen des gegenwärtigen Systems, in denen die Alternativen ein – eher bescheidenes – Unterkommen finden mochten.

"Die verlorene Unschuld" geht einen Schritt weiter. Die Ökologie muß Farbe bekennen; denn – so lautet der (entgegenkommenderweise gleich auf dem Rückeinband abgedruckte) Kernsatz – "es gibt keine Alternative zur Industriegesellschaft, sondern nur in ihr". Und diese Gesellschaft setzt zu einem neuen Aufschwung samt folgender Umwälzung an; Stichworte etwa: Gentechnologie oder Mikroelektronik. Eine Ökologie der heilen Welt – die im Klartext heißen müßte: eine von den Werten der Vergangenheit bestimmten Welt – wäre ein zum Scheitern verurteiltes Ausklinken aus einer unaufhaltsamen Entwicklung, die viele Gefahren enthält, aber auch einige Chancen – wenn man die Entwicklung richtig steuert und nicht nur zu bremsen versucht.

Das heißt aber: Die Gefahren zu erkennen (und davor zu warnen), ist nur der erste Schritt. Der zweite – Mitmachen, um (mit)zubestimmen – ist noch sehr unbeliebt, zumal bei den Politökologen. Die alten politischen Rechts-Links-Orientierungsmuster gemäß der Sitzgeographie der Parlamente helfen nicht viel weiter, aber auch Huber kann mit "Ökosozialismus" nur ein älteres Schlagwort einbringen. Wie überhaupt dieser Teil des Buches auffallend schmal ausgefallen ist – konnte der Autor keinen Lösungsweg anbieten, die Öko-Technokraten und Öko-Einsichtigen aus allen Lagern zusammenzubringen? Dies mag man ihm nicht abnehmen, allein wegen des schon erwähnten "Vor"-Urteils. Oder wollte er nicht, weil er bei einem allseits verpönten Liberalismus angelangt wäre, der sich von Ideologie möglichst frei hält, um nach bestem Wissen und Gewissen die größtmögliche Freiheit für die größtmögliche Anzahl von Individuen zu schaffen (oder zu retten)?