Von Nina Grunenberg

Eugen Loderer hat fast alle Runden durchgestanden. Jetzt ist er in der letzten und wartet auf den Gong. Innerlich hat er schon Abschied genommen von seiner IG Metall. Der Zweiundsechzigjährige ist müde und will nach Hause – in seinen Bungalow im Frankfurter Niddatal, zu seiner Frau Lotte und dem blinden Baffi, einem alten Cockerspaniel. Er freut sich auf seinen Garten und die Reisen, die er noch machen will – vor allem in jene Länder, die er während seiner Amtszeit in offizieller Mission besucht hat und die er nun noch einmal in Ruhe sehen möchte, ohne Programm und ohne Zwang.

Wachablösung in den Gewerkschaften: Eugen Loderer ist nicht der einzige, der schon auf die Rente wartet. Karl Hauenschild, der einflußreiche Gewerkschaftsführer der IG Chemie-Papier-Keramik, wird sich im nächsten Monat verabschieden. Auf dem Altenteil sitzen schon Rudi Sperner, der langjährige Chef der IG Bau-Steine-Erden, Heinz Kluncker, der Ex-Vorsitzende der ÖTV, und Heinz Oskar Vetter, der ehemalige DGB-Chef. Mit ihrem Rückzug vollzieht sich mehr als nur eine personelle Umschichtung in den Gewerkschaften. Da tritt eine ganze Generation ab.

Es sind Männer, die sich wie Hans Böckler, der erste DGB-Vorsitzende nach dem Kriege, "der Volksgesamtheit verantwortlich gemacht" fühlten, geprägt vom Krieg, vom Wiederaufbau und von den Wirtschaftswunderjahren, in denen es ihre Hauptaufgabe war, darauf zu achten, daß den Arbeitnehmern ihr Anteil an den Früchten des Erfolgs nicht vorenthalten wurde. Das steht auch in den Zeitungsausschnitten, die Eugen Loderer, wenn er zu Hause "in Rente" ist, sortieren will, Artikel, in denen sein Name eine Rolle spielt. Er hat sie "seit Heidenheim" gesammelt – seit 1947, als er in einer Metalltuchfabrik in Heidenheim an der Brenz den erlernten Schlosserberuf an den Nagel hängte und den schweren Entschluß faßte, seinen Weg als Funktionär der IG Metall zu machen. Er hat ihn weit gebracht, bis an die Spitze einer Gewerkschaft, von der sowohl ihre Bewunderer als auch ihre Gegner nur in Superlativen sprechen.

Die IG Metall ist die mächtigste und einflußreichste Organisation im Deutschen Gewerkschaftsbund. Ihre 2,6 Millionen Mitglieder machen sie zur größten Einzelgewerkschaft der Welt. In ihr sind "alte" Industrien wie die Stahlindustrie organisiert, klassische Industrien wie die Automobilindustrie oder der Maschinenbau, neue Industrien wie die Elektrotechnik, aber auch die Uhrenindustrie und der breite Bereich der "metallverarbeitenden Handwerke". Jeder zweite Beschäftigte in diesem Bereich läßt sich von der IG Metall vertreten. Sie handelt nicht nur die jährliche Lohnsteigerung aus, die dann in den Schlagzeilen erscheint. Insgesamt ist sie Partner in 1800 Tarifverträgen (ein Drittel Lohnverträge, die jährlich kündbar sind, etwa zwei Drittel längerfristige), die meisten im Handwerk.

Im Kampf um die Besitz- und Machtverhältnisse in der Bundesrepublik ist die IG Metall die stärkste "soziale Gegenmacht": In ihrer Organisation ist sie straff und .effizient geführt, in ihrem Auftreten selbstbewußt bis aggressiv, bei der Durchsetzung ihrer Ziele hart und bisweilen brutal. Politisch schillert sie zwischen Ideologie und Pragmatismus. Für diesen "Dinosaurier" (Willy Brandt) trägt Eugen Loderer seit 1972 die Verantwortung.

"Man muß kämpfen", sagt Eugen Loderer gern, wenn er seine gesammelte Lebenserfahrung in einen Satz zusammenfassen will. Da er seiner Natur nach kein Radikaler ist, sondern eher ein auf Harmonie und Ausgleich bedachter Mensch, klingt ein solcher Satz bei ihm keineswegs wie eine Siegfried-Fanfare, sondern wie eine Einsicht wider Willen: Ihm blieb nichts anderes übrig. Wenn er nächstes Jahr sein Amt aufgibt, ist er 36 Jahre lang durch den Apparat nach oben gestiegen und hat genauso lange gekämpft.