Wir wissen wenig und urteilen schnell. Auf welch trügerischem Grund wir dabei stehen, wurde mir wieder bewußt, als mir vor wenigen Wochen ein Schriftsteller aus der DDR erzählte, was ihm auf einer Lese-Tournee in der Bundesrepublik begegnet ist. Er war eines Tages Mittagsgast in einer rheinländischen Familie. Gegen Ende des Tischgesprächs fragte die etwa zwölfjährige Tochter der Gastgeber den Mann aus Mitteldeutschland, den Fremden aus der DDR, so respektvoll wie verwundert, woher er denn so gut deutsch spreche. Die Gegenfrage, welche Sprache es denn erwartet habe, beantwortete das Mädchen, verlegen nach einer Definition suchend, schließlich mit: "DDR-isch, dachte ich". Ich verbürge mich für diese Geschichte; ich kenne den Mann, der sie mir berichtete, gut.

Günter Gaus in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung "Zeitvergleich – Malerei und Grafik aus der DDR"

Literatur-Discount

Die einzige Universität der Bundesrepublik, die regelmäßig und alljährlich einem Schriftsteller als "poet in residence" ihre Tore öffnete, war die Gesamthochschule in Essen. (Der Frankfurter Poetik-Lehrstuhl wird finanziell nicht von der Universität getragen.) Dort konnten in den letzten Jahren so grundverschiedene poetische Temperamente wie Peter Rühmkorf und Rolf Hochhuth, Nicolas Born und Reinhard Lettau, Martin Walser und Heinar Kipphardt einen Dialog mit den Studenten ausprobieren. "Konnten": die Stelle ist halbiert. Unweit Essen – also in Bonn – heißt das "den Riemen enger schnallen", und merkwürdigerweise trifft diese von Hosenträger-Inhabern verordnete Kur immer zuerst die Kultur. Gewiß, es gab Frustrationen bei den Studenten, Enttäuschungen bei einigen Autoren und Erbitterung sogar im Lehrkörper. Aber als seltene Chance für Literaturstudenten, Semester für Semester gleichsam am Produktionsprozeß eines Autors teilnehmen zu können, wurde die Einrichtung von allen geschätzt. Jetzt ist sie halbiert: Nur noch jedes zweite Semester leistet man sich in der Krupp-Stadt einen poeta doctus.

Bleibt er? Geht er? Kommt er?

Vor wenigen Wochen noch war er angeblich "amtsmüde", wollte am liebsten sofort die Intendanten-Arbeit beenden. Jetzt möchte Peter Striebeck, Leiter des Hamburger Thalia Theaters, seinen Vertrag doch bis zum Ende (1985) erfüllen. Ja er ist, wie die Hamburger Kulturbehörde am Anfang dieser Woche wissen ließ, jetzt sogar zur Verlängerung seines Vertrages über 1985 hinaus willens und bereit. Anlaß für Striebecks neuerwachten Mut dürfte ein persönlicher Erfolg gewesen sein: In Dieter Wedels Inszenierung von Jean Anouilhs "Becket oder Die Ehre Gottes" spielt der Intendant Striebeck eine Hauptrolle, den König von England. Es ist eine unterhaltsame, keineswegs weltbewegende Inszenierung, auch wenn sich die Hamburger Lokalpresse, die BILD-Zeitung allen voran, gleich an Gründgens’ Zeiten erinnert fühlte. Sie bewies, was ohnehin nie einer bezweifelt hat: daß Peter Striebeck ein vorzüglicher Schauspieler ist. Seine Ankündigung hingegen, er wolle es nun auch als Intendant noch einmal versuchen, kann nur eine Drohung sein – denkt man daran, wie viele Projekte Striebecks innerhalb kürzester Zeit gescheitert sind. Andererseits: auch Striebecks Verhandlungspartner, der Kultursenator Tarnowski, ist ein Spezialist für mißratene Anfänge. Er hat sich von Krise zu Krise langsam auf seinem Senatorenstuhle festgewackelt und sitzt mittlerweile recht respektabel darauf. Was also tun? Die ZEIT und alle ZEIT-Leser haben nur einen einzigen Wunsch: Nie wieder die Hamburger Theaterkrise!

Saure Gurke, weiße Götter