Von Alexander Schölch

Am 11. August 1982 erläuterte Yochanan Meroz, der ehemalige israelische Botschafter in Bonn und jetzige Leiter der Europa-Abteilung im Jerusalemer Außenministerium, im deutschen Fernsehen seinen verblüfften Gesprächspartnern, daß das Selbstbestimmungsrecht der Palästina-Araber schon längst verwirklicht worden sei – nämlich jenseits des Jordan, in Transjordanien, während das jüdische Selbstbestimmungsrecht diesseits des Jordan, also in Israel und in den 1967 besetzten Gebieten, ausgeübt werde. Der zeitgenössische Beobachter mag dies zunächst für eine aktuelle politische Sprachregelung halten. Daß eine solche Sichtweise aber ihren historischen Platz im Spektrum zionistischen-israelischen Denkens und Handelns gegenüber den Palästinensern hat, zeigt eine Untersuchung, die sich dem nun genau hundertjährigen Konflikt zwischen jüdisch-zionistischen Siedlern beziehungsweise Israelis und den palästinensischen Arabern widmet und damit Sprache und Inhalt israelischer Politik gegenüber den Palästinensern in der Gegenwart verstehen hilft:

John Bunzl: „Israel und die Palästinenser. Die Entwicklung eines Gegensatzes“; Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung, Wien 1982, 181 S., 17,– DM,

Bunzl behandelt den Platz der palästinensischen Araber in den politischen Vorstellungen des Zionismus vor der Gründung des Staates Israel, die Versuche zur Verwirklichung dieser Vorstellungen während der Mandatszeit und im Verlaufe des Krieges von 1948/49, die Vorstellungen über die Palästinenser und ihre Behandlung in Israel selbst (wo sie 16 Prozent der Bevölkerung ausmachen) sowie in den 1976 besetzten Gebieten. Er diskutiert außerdem die verschiedenen Konzepte zur „Lösung“ des Konflikts beziehungsweise zur zukünftigen Stellung der Palästinenser unter israelischer Kontrolle, die in Israel vorgeschlagen werden.

Bunzl zeigt dabei, daß zionistische Führer wie Weizmann oder Ben Gurion (ganz zu schweigen von Jabotinsky, dem politischen „Ahnherrn“ Beging) sich keinerlei Illusionen über die Vereinbarkeit zionistischer und arabisch-palästinensischer Ansprüche hingaben. Ihnen war vollkommen klar, daß sich die zionistischen Ziele nur zu Lasten der arabischen Bevölkerung des Landes verwirklichen ließen. Den Arabern in Palästina durfte daher keine Selbstbestimmung zugestanden werden. Verhandlungen durften nicht mit den Palästinensern selbst, sondern möglichst nur mit Arabern außerhalb Palästinas geführt werden, Das Ziel war (und ist), „unter Umgehung der spezifisch palästinensisch-arabischen nationalen Ansprüche zu einem Übereinkommen mit der arabischen Welt zu gelangen“. Es wurden deshalb auch lange Diskussionen über die Möglichkeit der (gegebenenfalls auch zwangsweisen) Aussiedlung („Transfer“) der arabischen Bewohner Palästinas geführt, wo es „keinen Platz für zwei Völker“ gab. So erklärte Ben Gurion 1938: „Ich bin für einen obligatorischen Transfer ... Es gibt zwei zentrale Aufgaben: Souveränität und die Reduzierung der Zahl der Araber im jüdischen Staat.“

Das „Transfer-Problem“ schien gelöst durch die Flucht und Vertreibung von 750 000 Arabern aus dem Gebiet, das 1948/49 der Staat Israel wurde. Doch mit der Besetzung Rest-Palästinas im Krieg von 1967 und der Re-Palästinisierung der Araber in Israel, die wieder zu nationalbewußten Palästinensern wurden, sei „die Situation der Mandatszeit wiederhergestellt worden“. Was 1948 bis 1967 als Konflikt mit den arabischen Staaten gleichsam nach außen gewendet wurde, kehrte nun „als innerisraelisches Dilemma zurück“.

Da zwei Fünftel der Bewohner von „Eretz Israel“ heute palästinensische Araber sind, besteht in der Tat eine „demographische Gefahr“ für den jüdischen Staat. Wie man sich in Israel die Lösung des Konflikts zwischen territorialer Expansion und jüdischer „ethno-politischer Exklusivität“ innerhalb des weiten politischen Spektrums vorstellt, wird von Bunzl ausführlich beschrieben. Ebenso werden die Rationalisierungen und Strategien herausgearbeitet, die der Verdrängung der Tatsache dienen sollen, daß es sich bei dem Problem um das Palästinenser-Problem und bei dem Konflikt um den Palästina-Konflikt handelt. Die persönlichen Schlußfolgerungen des Autors lehnen sich an die Positionen der Israelischen Sozialistischen Organisation (besser bekannt unter dem Namen Matzpen) an. Diese Gruppe geht davon aus, daß der Konflikt nur überwunden werden kann, wenn der Staat Israel „zu einem Ausdruck seiner Bewohner (Juden und Araber) und nicht der Juden in aller Welt“ wird. Insbesondere für die Palästinenser in Israel in den Grenzen von 1967 könne sich eine Lösung ihrer Probleme nur im Rahmen einer binationalen Perspektive ergeben.