Von Susanne Mayer

Vor uns stand der Yogi Tee in schlichter Tasse auf schlichtem Tisch. Er duftete wie eine Gewürzmischung für Spekulatiusgebäck. Kreislaufanregend sollte diese "Alternative zum Kaffee" sein. Jedenfalls verspricht dies die vegetarische Speisekarte des Golden Temple Restaurants ihren Gästen in Hamburg. Dann kam das Essen.

Dicke Rosinen und cremefarbene Mandelsplitter steckten zwischen safrangelben Körnern des Basmatireis’. Rechts auf dem Teller ein Klacks Joghurt, gegenüber ein Klecks Chutney. Die grünweiß getupfte Masse, die sich wie ein Fächer dazwischen ausbreitete, war pürierter Broccoli. Dazu ein kleiner weißer Quader Tofu, das Steak der Vegetarier, auf Deutsch: Quark aus Soyabohnen. Diesem Steak fehlt zwar der mythisch rote Lebenssaft, doch das reine Weiß enthält garantiert kein Östrogen oder Cadmium, dabei aber genauso viele Proteine. Und die können, da sie pflanzlicher Herkunft sind, noch schneller vom menschlichen Organismus genutzt werden.

In vegetarischen Restaurants wird viel über Nährwerte geredet: in Büchern, die am Eingang verkauft werden; auf der Speisekarte, die erklärt, daß kein Industriezucker verwendet wird, und über die Teller hinweg. Vor zwei oder drei Jahren hätte ich noch nicht mitreden können oder wollen. Cadmium und Proteine waren fremde Wörter für mich. Heute aber geht mir, wie vielen anderen auch, die wissenschaftliche Analyse des Essens glatt und immer häufiger über die Lippen. Das hat seinen Grund, denn ich lerne fast täglich dazu.

Ich brauche nur die Zeitung aufzuschlagen. "Salmonellen in tiefgefrorenen Hähnchen", "Bakterien in H-Milch", analysieren dort die einen. "Durch moderne Verfahren zur Haltbarkeitsmachung wird bei minimalem Nährstoffverlust... die Haltbarkeit empfindlicher Lebensmittel erheblich verlängert und Schutz gegen mikrobiologische Risiken, wie z. B. Salmonellen, geboten", erklären mir die anderen. "Von Blei und Cadmium in der Nahrung geht gegenwärtig die größte gesundheitliche Gefahr für den Menschen aus", erfahre ich hier, und dort, daß "endlich Schluß mit der Cadmium-Psychose!" gemacht werden müsse.

Vielen Bundesbürgern schlägt diese wissenschaftliche Diskussion auf den Magen. Schon sollen fast 50 Prozent der Deutschen Angst beim Essen haben. Das jedenfalls stellte der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde in einer Umfrage fest. Vielleicht deshalb finden sich immer mehr Menschen in den vegetarischen Restaurants ein, wo angeblich das Essen gesünder sein soll. "Vom Rind" oder "vom Schwein" ist hier nichts zu haben. Dafür gibt es "Harimandir", "Gobinde" oder eine "Enchilada". Immer weniger trifft zu, daß die Leute nur das essen, was sie kennen. Fast scheint es so, als ob sie das, was sie kennen, nicht mehr essen mögen. Gastronomische Experimente unter merkwürdigen Namen schrecken nicht mehr ab. Die Esser sind bereit, die "ostindische Spezialität", das Gericht "Harimandir", zu probieren und bekommen dafür etwas aus einer Eßtradition, die seit Jahrtausenden aus ökologischen und religiösen Gründen vegetarisch ist.

Sie schmecken mit "Gobinde" ein Gericht, dessen ausgewogene Kombination von Getreide mit frischen und gedünsteten Gemüsen der Saison, mit der Cashewnußsoße, die das Gemüse würzt, an die makrobiologische Küche erinnert. Sie wurde im Rahmen des japanischen Zen-Buddhismus entwickelt.