Von Ben Witter

Abordnungen an Gräbern, vor Denkmälern und Podien. Verstopfte Friedhöfe, Blumengebinde als Signal, Tiefe ausgelotet, Worte sollen bekränzen; alles eingebracht in die Verpflichtungen zum Volkstrauertag, Buß- und Bettag und Totensonntag. Stillstehen.

Am Totensonntag sagte irgendein Gefreiter auf dem Kasernenhof, daß es für solche Feiern nur ein Lied gebe, und daß es wohl das langsamste sei, daß es überhaupt gibt: "Ich hatt’ einen Kameraden." Nicht an den Tod hätte er dabei so sehr gedacht, sondern eben an einen neben sich.

Und der Mann bei einer Gedenkfeier in einem ehemaligen KZ ganz hinten? Das war kein politischer Häftling gewesen, er wurde mit zweiundzwanzig damals gleich zu den Berufsverbrechern abgestellt, ein Asozialer. Und das erklärte er nachher einem vom Vorstand des Komitees, um Irrtümern vorzubeugen. Aber warum stand er denn da? Weil er gehört hatte, daß es immer weniger wurden, die zu solchen Feierlichkeiten kamen, und die Übriggebliebener. ja auch langsam alle wegstürben.

Der Mann hat sich da erkältet. Das passiert öfter auf Friedhöfen und Gedenkstätten. so Ende November. Manche holten sich dadurch sogar schon den Tod.

Und all die anderen? Sollten wir mit unserer Trauer vielleicht einsilbiger umgehen? Jedem seine Melodie im Kopf lassen, ohne sie zu singen oder aufzuspielen? Sollte Trauer nicht mehr regelmäßig organisiert werden wie bisher an den drei besagten Tagen? Soll es, in wessen Namen auch, immer so bleiben?

Es geht bei uns nicht anders, alles wird vorgeplant und geschieht zu seiner Zeit. Auf Nummer Sicher auch die Trauer?