Von Irene Mayer-List

Wenn die europäischen Regierungschefs an diesem Wochenende zu einem Gipfeltreffen im nördlichsten EG-Mitgliedsland zusammentreffen, wird das trübe Winterwetter in seltsamem Kontrast zu einem der wichtigsten Probleme auf ihrer Tagesordnung stehen: Es geht in Kopenhagen um die Sorgen des Südens, um Orangen, Zitronen, Oliven und Wein. Der Anlaß: Am 1. Januar 1984 sollten nach bisherigem Plan Spanien und Portugal als neue Mitglieder in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen werden.

Doch weder in Brüssel noch in Kopenhagen glaubt man heute noch ernsthaft an diesen Termin. Zwar wünschen sich alle EG-Länder eine politische Integration der südlichen Nachbarn, doch bei der wirtschaftlichen Integration wehren sich die Mittelmeerländer Griechenland, Italien und Frankreich gegen die neuen Partner. Die Südländer, mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand als ihrem Wortführer, setzen schon seit einiger Zeit ihre ganze Überzeugungskraft – gepaart mit geschickten administrativen Verzögerungstaktiken – ein, um den Beitritt der iberischen Staaten möglichst lange hinauszuschieben. Mitterrand hat seine Motive bereits mehrmals unmißverständlich ausgesprochen. Während das landwirtschaftlich wie industriell relativ unbedeutende Portugal für ihn nicht bedrohlich ist, bezeichnete er den Beitritt des Agrarlandes Spanien als ein "Desaster". Denn Spaniens Obst und Gemüse wird den Italienern, Griechen und Franzosen auf dem EG-Markt, auf dem sie sowieso mit ihren Agrarprodukten viel weniger protegiert werden als die nördliche Getreide- und Viehwirtschaft, kräftig Konkurrenz machen. Die französische Europa-Parlamentarierin Yvette Fuillet: "Erst müssen die Europäer Ordnung in ihrem eigenen Haus schaffen, dann können wir erweitern."

Aber auch die "Nordländer" haben Bedenken, denn der spanisch-protugiesische EG-Beitritt wird vor allem ihre Kassen leeren. Die Kosten zwingen dazu, so haben Brüsseler Beamte ausgerechnet, den EG-Etat um fünfzehn bis zwanzig Prozent auszuweiten. Nimmt man das diesjährige Budget von rund 53 Milliarden Mark als Grundlage, so wären das knapp zehn Milliarden Mark mehr. Der EG-Etat finanziert sich im wesentlichen aus der Mehrwertsteuer in den Mitgliedsländern. Zur Zeit wird knapp ein Prozentpunkt dieser Steuer aus den nationalen Kassen in den Brüsseler Topf abgeführt. Bei einer Ausweitung der EG auf zwölf Länder müßte dieser Satz allerdings nach Brüsseler Berechnungen um mindestens ein halbes Prozent angehoben werden. An diesem Punkt aber stellen sich die Bundesregierung und England stur: Erweiterung ja, Geld nein.

Zunächst aber stehen die Sorgen der Franzosen um den Agrarmarkt im Vordergrund der Diskussion. Für die südfranzösischen Bauern sind die Spanier Erbfeinde, und jedes Jahr inszenieren sie bei Perpignan hinter der spanischen Grenze aufs neue einen kuriosen Handelskrieg: Wenn im Frühsommer die Lastwagen aus Andalusien mit Obst- und Gemüseladungen für Deutschland und Holland heranrollen, lauern die erbosten provenzalischen Bauern schon mit Knüppeln und Feuerzeug am Wegesrand, kippen die Ladung der spanischen Konkurrenz auf die Straße und zünden sie an.

Die Provenzalen wissen, warum sie so hart kämpfen. Denn wenn die billigen spanischen Tomaten, Salatköpfe und Pfirsiche erst einmal an ihrem Bestimmungsort angekommen sind, dann gehen sie selbst in französischen Läden viel schneller weg als die teure Ware aus den eigenen Landen. Jede Lastwagenladung, die von Spanien nach Norden rollt, bedeutet für die südfranzösischen Bauern schlechtere Verkaufschancen und noch höhere Produktionsüberschüsse.

Allein im letzten Jahr blieben die Obst- und Gemüsehändler in der Provence auf zehn großen Lastwagenladungen voll Tomaten sitzen, die sie mit Bulldozern einstampften. In der Languedoc westlich von Marseille wurden zehn Prozent der Pfirsich- und Apfelernte vernichtet oder zu Industriealkohol verarbeitet, und auch jeder zehnte Liter Wein aus der Gegend blieb unverkäuflich. Ähnliches wird aus Griechenland und dem italienischen Mezzogiorno südlich von Rom berichtet.