Nicht nur den Rätseln der Renaissance auf der Spur: Über Giorgione, Leonardo und Piero della Francesca

Von Peter von Becker

Noch ist der Untergang Venedigs nicht besiegelt. Und doch gleicht das Werk des strahlendsten und geheimnisvollsten Malers der Lagunenstadt einem Atlantis der Kunstgeschichte. „Ich sehe Giorgione herausragen aus diesem Wunderland, ohne jedoch, was sterblich an ihm ist, zu erkennen ... Man weiß nichts oder fast nichts von ihm.“ Aber „Giorgione bedeutet für die Kunst die Epiphanie des Feuers“; er sei ein „zweiter Prometheus“‚ hat Gabriele D’Annunzio in seinem 1900 erschienenen Roman „Il fuoco“ („Das Feuer“) geraunt, hat er posaunt.

Nun kennen wir sicher mehr als nur einen „neuen Prometheus“ der Künste und Wissenschaften zur Zeit der italienischen Renaissance. Dennoch ist es eine Merkwürdigkeit, eine Genie-Hexerei der Geschichte, daß zu Beginn des Cinquecento, vielleicht sogar im selben Jahr (um 1505), auf jeweils weniger als einem Quadratmeter Leinwand in Florenz und Venedig zwei durchaus intime Gemälde entstanden, die der Nachwelt eines halben Jahrtausends zu magischen Monumenten wurden: Leonardos „Mona Lisa“ und Giorgiones „Il tempesta“ („Das Gewitter“).

Ein Lichtzauberer im Dunkel. Giorgio Vasari hat 350 Jahre vor D’Annunzio in seinen Lebensbeschreibungen berühmter Künstler notiert, daß Giorgione, „obwohl von niederer Herkunft, sich immerdar liebenswert und von edlen Sitten erwies. In Venedig erzogen, fand er stets Gefallen an Liebesabenteuern, vergnügte sich gern auf der Laute und spielte und sang so wunderbar, daß er von vornehmen Leuten oft zu Musikfesten gebeten wurde.“ Und viel mehr weiß man auch bis heute nicht über den Orpheus, der doch ein Maler war, weiß man nicht über Person und Leben Giorgiones (das heißt: „großer Giorgio“), der vermutlich 1478 in Castelfranco im venezianischen Hinterland geboren wurde und, an der Pest wahrscheinlich, im Herbst 1510 gestorben ist. Wieviel er hinterließ, wieviel verlorenging, ist unbekannt.

Außer einem zweifelsfrei von Giorgiones Hand stammenden Freskenfragment existieren zwischen Leningrad und Washington nicht einmal drei Dutzend Werke, bei denen Giorgiones Autorschaft für möglich, darunter fünf oder sechs Gemälde, bei denen sie für sicher gehalten wird. Aber selbst wenn in diesen Fällen die Authentizität wahrscheinlich und bei der „Madonna von Castelfranco“ oder der „Schlafenden Venus“ in Dresden auch der Bildinhalt jedem offensichtlich erscheint, selbst dann bleibt noch das Rätsel des einen, des berühmtesten Bildes.

Der Maler hat dem Werk keinen überlieferten Titel gegeben. Und die Millionen Besucher Venedigs, die im ersten Stock der „Accademia di Belle Arti“ am Auslauf des Canal Grande in den schummrigen, wohnzimmergroßen Saal Nummer V vor das 83 X 73 cm messende Gemälde gedrungen sind, werden sich an der Bezeichnung „Il tempesta“ kaum gestört haben. Tatsächlich sieht man ja einen Blitz zucken über einer vornehmlich in weichen Brauntönen und allerlei ins Türkis changierenden Grünfarben gehaltenen Idylle, die außerhalb einer Stadt an einem Bachbett eine nackte junge Frau beim Stillen ihres Kindes zeigt: Vom linken Bildrand her betrachtet von einem (ihrem?) sich auf einen Stab oder eine Lanze stützenden, leger gekleideten Mann, dessen Gesichtszüge ganz eigentümlich verschattet wirken. 1530, zwanzig Jahre nach Giorgiones Tod, sah der Venezianer Marcantonio Michiel, der vermutlich ein Freund des Malers war, im Hause des Gabriele Vendramin (unweit des Palazzo Vendramin, in dem später Richard Wagner starb) diese „Kleine Landschaft mit dem Sturm, mit der Zigeunerin und dem Soldaten“ – sah also schon das, was im Ungefähren, mag die schöne Nackte nun eine Zigeunerin oder nicht und der Mann am Rande eher ein Schäfer sein, die meisten Betrachter des Bildes auch heute noch zu sehen glauben.