Hamburg

Nur in "beschämend geringem Ausmaß" seien die Industrienationen bisher "ihren Verpflichtungen gegenüber den unter bitterer Not leidenden Ländern" nachgekommen, klagte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Eduard Lohse, am vergangenen Sonntag. Dabei konnte er bei der Eröffnung der 24. Aktion "Brot für die Welt" in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis beeindruckende Zahlen vorlegen: In den letzten 23 Jahren waren bei dieser Aktion mehr als 800 Millionen Mark gespendet worden, davon allein im letzten Jahr über 76 Millionen. Gemessen an der Gesamtzahl der Bundesbürger meinte Lohse jedoch, sei dies nur ein verschwindend geringer Betrag. Dazu kommen regionale Unterschiede: Gegenüber mehr als vier Mark in Bayern und Württemberg kamen 1981 im Bereich der Nordelbischen Kirche nur 1,31 Mark pro Bürger zusammen.

Jede gespendete Mark, versicherte Lohse, werde ausschließlich dafür verwandt, das unermeßliche Elend in aller Welt zu lindern. "Brot für die Welt" hilft nicht nur in akuten Katastrophenfällen mit Lebensmitteln, sondern versucht mit Selbsthilfeprogrammen das Gemeinwesen der "fernen Nächsten" zu stärken und mit ländlichen Entwicklungsprogrammen die Selbstversorgung mit Nahrung zu unterstutzen. So flossen die Gelder 1981 beispielsweise für die Arbeiterbildung nach Neu-Delhi, für Projekte zur Umstellung auf biologischen Landbau nach Brasilien oder zur Aufforstung in den Sudan. 2,5 Millionen Mark gingen nach Nicaragua. "Allerdings unterstützen wir dort allein kirchliche Gruppen," "nicht die Sandinistas", erklärte Pfarrer Hans-Otto Hahn, Direktor des Diakonischen Werkes der EKD.

Zweifel an der Effektivität von "Brot für die Welt" äußerte der Kieler Anthropologe Hans Jürgens: "Die Aktion nützt uns, den Spendern, am meisten, weil sie unser schlechtes Gewissen beruhigt." Seiner Meinung nach müßten mehr genossenschaftliche Projekte unterstützt werden, statt – wie die EKD – fast ausschließlich mit kirchlichen Gruppen zusammenzuarbeiten.

Auch die EKD ist sich bewußt: Die schlechte Eigenversorgung der armen Völker mit Lebensmitteln ist darauf zurückzuführen, daß "auf den Ackerflächen der Dritten Welt zunehmend Viehfutter sowie Nahrungs- und Genußmittel für die Industrieländer angebautwerden". Unter diesen Rahmenbedingungen kann zwar jede Spende den Hunger für eine kurze Zeit lindern helfen, wenig aber neuem Hunger vorbeugen. müll