Vor fast 500 Jahren schoben Schotten den ersten Curling-Stein über die Eisfläche. In Kanada ist der Sport in manchen Schulen Pflichtfach. Bei uns immer noch ein Stiefkind im Freizeitangebot.

Schenkt man einer Anekdote Glauben, so war es ein Schotte, Admiral in holländischen Diensten, der im 15. Jahrhundert den Sport mit Stein und Besen erfunden hat. Die Schotten und die Engländer waren sich bekanntlich im Laufe der Geschichte nicht immer einig und pflegten sich bei Streitigkeiten gegenseitig Kanonenkugeln um die Ohren zu schießen. Die Leute aus den Highlands, selten mit eigener Flotte, besorgten das meist von Bord niederländischer oder französischer Schiffe aus. Und während sie einmal in den zugefrorenen Grachten festlagen, ließ besagter Admiral aus Langeweile seinen Talisman, eine flachgedrückte Kanonenkugel, über das Eis schlittern.

In Deutschland, wo Curling (Kreiseln) häufig als nicht ernst zu nehmender Altherrensport mit Schrubber und Wärmflasche belächelt wird, wurde erstmals vor fünfzig Jahren ein Curling-Stein übers Eis geschoben. Anläßlich wintersportlicher Weltmeisterschaften in Oberhof (Thüringen) ließ der Herzog von Sachsen-Gotha auch Schotten einreisen, die ihr Können demonstrieren sollten. Da das Eis aber schnell geschmolzen war, kamen Veranstalter und Funktionäre zu dem Schluß, daß dieser Wettbewerb wohl für die milden deutschen Breiten nicht geeignet sei.

So mußten die Deutschen bis Anfang der fünfziger Jahre warten, bis sie in den hochgelegenen Schweizer Wintersportorten, beispielsweise in Davos und St. Moritz, von Einheimischen in die Kunst des Curlens eingeführt wurden. Von dort aus fand Curling schnell seinen Weg in die deutschen Wintersportorte Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen.

Erstaunlicherweise war Deutschlands erster Curling-Club jedoch nicht in Bayern beheimatet, sondern in Nordrhein-Westfalen. Am 26. Februar 1961 hoben 39 Mitglieder den Curling-Club CC Düsseldorf 61 aus der Taufe – das waren ebenso viele wie heute, wenn auch längst nicht mehr dieselben. Die geringe Mitgliederzahl führt Vereinsvorsitzender Erich Lindstedt nicht etwa auf die Exotik des Sports zurück: „Das Interesse ist schon vorhanden, nur die ungenügenden Trainingszeiten und -bedingungen stellen ein Hindernis dar.“

Im Vergleich zu Kanada, dem führenden Curler-Land der Welt mit 1,5 Millionen Aktiven, gibt die Bundesrepublik mit rund 1200 Curlern in 27 Vereinen des Deutschen Curling Verbandes ein recht klägliches Bild ab. Den deutschen Sportlern stehen allerdings nur fünf ausschließliche Curlinghallen (Schwenningen, Stuttgart, Lahr, Baden-Söllingen und Hamburg) zur Verfügung, während beispielsweise die Schweizer Kollegen in 32 Hallen spielen können. Ein wahrer Curler freilich bevorzugt in der Saison von September bis April das Open-air-Spiel. Auf dem Natureis eines gefrorenen Sees gleiten die Steine anders als auf dem sorgfältig präparierten, mit Körnchen versehenen „Peppled Ice“ der Hallen.

Ob im Freien oder in der Halle, der Curler muß das Eis „lesen“ können. Denn je nach Luftfeuchtigkeit und Temperatur verändert es sich. Folglich versucht der Könner, mit dem ersten Stein möglichst viel über die Eisbeschaffenheit zu erfahren, damit er für die späteren Steine die richtige Entscheidung fällen kann. Bis in die kleinsten Einzelheiten muß die Bewegung eingeübt sein. Der winzigste Unterschied im Krafteinsatz, in der Geschwindigkeit, beim Abstoßen mit dem Bein, beim Loslassen des Steins, bei der Drehung der Hand, hat Folgen.