Von Manfred Sack

Im Stillen, so konnte man lesen, habe sich in Wien ein kunstgewerbliches Unternehmen großen Stils gebildet. Mitten im Fabriklärm tue sich die stillere und beseelte Handarbeit des Kunsthandwerkers auf, zwar fehle es auch hier nicht an maschinellen Einrichtungen, im Gegenteil, man sei mit allen technischen Neuheiten, die dem Betriebe dienen, aufs vollkommenste ausgerüstet, aber die Maschine sei hier nicht die Herrscherin und Tyrannin, sondern die willige Dienerin und Helferin, und die Erzeugnisse trügen die Physiognomie nicht von ihr, sondern von dem Geiste ihrer künstlerischen Urheber und von der Geschicklichkeit kunstgeübter Hände.

Diese 1904 durch die Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekoration verbreitete Nachricht, die heute in der gespenstischen Blütezeit von Produktionsautomaten eher von resignativer als balsamischer Wirkung ist, betraf die Wiener Werkstätte. Das 1903 gegründete, bald aus vielerlei Werkstätten bestehende Institut hat so beständig und so leidenschaftlich wie kein anderes der Kultur des Alltags gegolten – und hat dem Wiener Jugendstil dabei einen am Ende mit beißendem Spott begossenen langen, zu langen Zopf geflochten. Als die WW 1932 liquidiert wurde, hatte sie einen Weltkrieg, eine Revolution und die Neue Sachlichkeit überlebt; wer weiß, was die Nazis mit ihr angestellt hätten.

Es gab, in Deutschland, zwar den wenig später gegründeten Deutschen Werkbund (der sie unterstützte), aber kein vergleichbares Unternehmen, das sich für alle denkbaren Gegenstände der Gebrauchskunst von der Architektur bis zur Damenmode nicht nur interessierte, sondern sie mit großem Ehrgeiz selber herstellte, selber verkaufte und damit immerhin fast dreißig Jahre lang zu existieren vermochte. Dabei war der Anspruch vom Anfang bis zum Ende außerordentlich hoch und kompromißlos insofern, als daß äußerste Qualität gewollt und oft mit luxuriösem Arbeits-, also Zeitaufwand gefertigt war.

Es gehört auch zur Eigenart der Wiener Werkstätte, daß sie auf dem Terrain der bildenden Kunst konzipiert worden war, bei den Rebellen der Wiener Secession und mit dem Gebäude, das Joseph Maria Olbrich ihr "mit Freude gebar". Die Namensliste der WW schillert vor Berühmtheiten: Kolo Moser, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Carl Otte Czechka (der auch den Schriftzug DIE ZEIT entwarf), Dagobert Peche, Egon Schiele. Aber einer war der Größte: der Architekt Josef Hoffmann. Er inszenierte von Anfang das Programm des missionarischen Unternehmens, das kunstbegabte Handwerker (handwerklich begabte Künstler) förderte, indem es ihnen Werkstätten zur Verfügung stellte und sich um den Verkauf ihrer Produkte kümmerte. Alles gehörte dazu: Schmuck, Buchkunst, Möbel und Mode, Gebrauchsgegenstände aller Art, Tapeten und Stoffe, Spiel- und Drucksachen, Architektur, Interieurs und mit dem Kabarett "Fledermaus" vermutlich das erste vollständige "Erscheinungsbild" einer Firma, Mobiliar und Besteck inklusive.

Die WW hat ihre Krisen, die finanziellen und die anderen, lange überstanden, sogar den um Jahre verfrühten Epilog des "grimmigen Antichristen der Wiener Werkstätte", Adolf Loos’, der das "Wiener Weh" mit starken Worten zum Teufel wünschte: als ein Gespenst der Vergangenheit, schmucksüchtig, ästhetisch vertrottelt, taub für das Soziale und blind für das Normale. Er war der wütendste, aber nicht der einzige Kritiker gegen Ende der zwanziger Jahre; 1932 wußten dann auch die letzten Inhaber, "daß die WW gegen die

Zeit und deren Bedürfnisse arbeitete". Sie entließen das berühmte Wiener Kind in die Geschichte.