Von Heinz Josef Herbort

Wer kommt, wenn alle anderen längst geliefert haben, hat es leicht und schwer zugleich. Leicht – denn für ihn ist die Häme so wohlfeil wie die Lehre, die tödlich vernichtende Rache so greifbar nahe wie das wiederbelebende Bekenntnis. Schwer – denn jetzt wird das Resümee erwartet, das Noch-nicht-Gesagte, das Eigentliche. Es bleibt eine Frage an das Temperament oder an das Selbstbewußtsein, was jemand für sich auswählt.

"Vorspiel zu Parsifal. Liebe – Glaube –: Hoffen?" fragt Richard Wagner im November 1880 zur Privataufführung seines Bühnenweihfestspiels für Ludwig II. Wer liebt? Wen oder was? Wer glaubt? Wer hofft worauf? Heute?

Auf den schwarzen Zwischenvorhang des Frankfurter Opernhauses malte Axel Manthey: in Weiß die wohlgerundeten Umrisse einer "schwebenden Jungfrau" und einen schräg nach oben weisenden Pfeil; dazu, als habe jemand die Reste aus dem Pinsel oder von den Fingern gewischt, drei Tupfer oder Kleckse oder Streifen, rot, gelb, blau. Diese Farben, ungebrochen, ungemischt, ungetönt, tauchen immer wieder auf in dieser Inszenierung, die sich kühn, keineswegs leicht, über eine Menge üblicher, bislang kaum angezweifelter Vorverabredungen hinwegsetzt und dadurch in der Lage ist, die zitierten Fragen neu und anders zu stellen, neu und anders zu beantworten: Lieben die Grals-Ritter? – Nein, es sei denn sich selber. Hoffen sie auf etwas? – Vielleicht; auf ein Ende des Schreckens; darauf, daß doch einmal eine Tür aufgeht; auf ein ganz klein bißchen neues Glück auch, der eine oder andere, der sich noch einen Rest Individualität, Menschenwürde, Menschenähnlichkeit hat bewahren können. Glauben sie überhaupt? – Wahrscheinlich. Ganz ohne Zweifel. Nur: an was bloß? Und was ist das – Glauben?

Denn das zeigt die Regisseurin Ruth Berghaus schnell: Glauben – das ist eine andere Form von Kadavergehorsam, von Entrücktheit, von Verwandlung, die Reaktion einer in Gefangenschaft blind und stumm und wahnsinnig gewordenen Herde, die vor ihre Immobilität das Gemeindegefühl, vor ihre Eigenständigkeit den Katechismus, vor ihre Selbstverantwortung die Hierarchie gesetzt hat.

Die Gralsritter: eine in der scheinbaren Gleichheit aller mit schwarzem Leder und weißer Glatze sich gegenseitig fußhakelnd bekämpfende, jedem Weiberrock nachrobbende Sippschaft aus der noch harmlosen Abteilung einer Psychiatrie. Ihr "letztes Liebesmahl": eine okkulte Sitzung mit der Kulmination in einer "öffnenden" Geste – die für einen Moment wieder menschlich-natürlich gewordenen Irren breiten ihre schwarzen Mäntel aus, sichtbar wird ein Gelb falscher Hoffnung. Auf dem Höhepunkt des Pseudo-Kultes der "Enthüllung": die "Ritter" öffnen zunächst als Bet-Bank benutzte Musterköfferchen und verharren davor in Verzückung – die Koffer aber sind leer. Ihre Begräbnis-Prozession, für Titurel schließlich, die nicht von der Stelle kommt ein umgekehrtes "Holocaust-Bild von Todeskandidaten in der Warteschlange, erschreckend in der Deutlichkeit und Aussage.

An der Spitze dieser Gemeinde: ein Oberlehrer Gurnemanz, der seine Nachsitze-Eleven indoktriniert und den Schüler Gawan wegen unentschuldigten Fehlens in sein Notenbuch einträgt. Der Gral: ein obskurer Ring, Realität und Symbol zugleich, dessen eigene Nichtigkeit die des Glaubens an ihn heimtückisch entlarvt. Amfortas: kein Priester mit Sündenbewußtsein und Anti-Abendmahl-Verzweiflung, sondern ein gescheiterter Revoluzzer, der sein Aufbegehren von seinen eigenen Leuten in eine mumienartige Zwangsjacke hat stecken und sich wie Prometheus an einen Felsen fesseln lassen müssen.