Die Untergrundführung der verbotenen Gewerkschaft "Solidarität" hat in Polen die für den Jahrestag des Kriegsrechts angekündigte Protestaktion abgesagt und das Regime in Warschau zugleich zu einem "Waffenstillstand zwischen der Führung" und der Bevölkerung aufgerufen.

Waffenstillstände werden oft zu endgültigen Lösungen, wenn sich bessere nicht erreichen lassen. Sie sind der faule Kompromiß des Faktischen. Um zu dauern, müssen sie freilich mehr sein: ein Rahmen, der auch der Hoffnung noch eine Chance läßt. Aber noch weiß niemand, ob General Jaruzelski diesen Waffenstillstand so verstehen und einhalten will. Oder läßt er sich von der Genugtuung über die neue Stille im Lande erst zur Selbstgerechtigkeit und dann zur Restauration des alten Regimes kommunistischer Prägung verführen? Legt er als Kapitulation aus, was als Feuereinstellung gedacht war?

Die polnische Nachkriegsgeschichte ist voller verpaßter Chancen. Neue Aufstände folgten jedesmal ein paar Jahre später. Hoffentlich hat die derzeitige Führung daraus gelernt. Dann hätten sich die Opfer der Polen in den bitteren zwölf Monaten seit der Verhängung des Kriegsrechts gelohnt.

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