Aber Idealismus und Kampfbereitschaft allem garantieren keine politische Zukunft

Von Rolf Zundel

So viel Idealismus, Kampfbereitschaft, Opferwillen! Auch abgebrühte Politprofis waren davon beeindruckt, was sie auf dem Gründungskongreß der "Liberalen Demokraten" in Bochum erlebten: anderthalb tausend Menschen, auf eigene Kosten angereist, per Bahn, im Bussen, in vollbesetzten Kleinwagen; eine fast perfekte Organisation mit 140 freiwilligen Helfern samt Kindergarten und Mittagessen; eine komplizierte Tagesordnung, die virtuos abgewickelt werden konnte, weil Eitelkeiten und Wichtigtuerei keine Chancen hatten.

Jene Liberalen, die bei Genschers Wendemanöver von der FDP abgesprengt worden waren, wollten Aktion, Zugehörigkeit, eine neue politische Heimat. Skepsis war da nicht gefragt; sie ging unter im Beifallssturm, als auf die Frage: "Wer ist der Meinung, daß eine neue Partei auf den Weg gebracht werden soll?" ein Wald von hochgereckten Armen sichtbar wurde. Die 50 oder 70 Bedenklichen mußten sich da schon fast kleinmütig vorkommen.

Eine historische Stunde des Liberalismus oder die öffentlich vollzogene Zerlegung der Genscher-Opposition in ihre Einzelteile? Die zweite These läßt sich leichter beweisen. Jene Partei, die aus den Liberalen Vereinigungen herauswachsen sollte und der, so hoffte man, möglichst viele der achtzehn FDP-Bundestagsabgeordneten, die sich gegen des Koalitionswechsel erklärt hatten, Ansehen und Breitenwirkung verschaffen würden, eine Partei, die unmittelbar aus der emotionalen Aufgewühltheit des Berliner Parteitags wie ein Naturereignis entstehen sollte – sie ist nicht zustande gekommen. Die "Liberalen Demokraten" sind eine späte Sammlung der Heimat- und Namenlosen; kein Bundestagsabgeordneter war zu gewinnen.

Unterschiedliche Akzente

Einige der Abgeordneten waren bereit, sich weiter für die Liberalen Vereinigungen zu engagieren, zum Beispiel Friedrich Hölscher, Ingrid Matthäus-Maier oder Helga Schuchardt, die in Bochum zur ersten Sprecherin der Vereinigungen gewählt wurde (Stellvertreter wurden je ein Mitglied der neuen und der alten liberalen Partei). Helga Schuchardt aber sieht die Vereinigungen als Vorfeld-Organisation für den Liberalismus in allen Parteien.