Von Helmut Becker

Tokio, Ende November

Mit brutaler Offenheit gesagt: Es wäre politisch irrelevant, Premierminister Suzuki zu ermorden. Nichts würde sich dadurch ändern, und Nachfolger gibt es in Hülle und Fülle", beruhigte Kolumnist Hideo Matsuoka in Japans drittgrößter Tageszeitung Mainichi seine Leser nach dem Attentatsversuch auf US-Präsident Reagan. Seit letzter Woche gilt dieser Befund so nicht mehr. Seitdem Yasuhiro Nakasone den Biedermann Suzuki ablöste, muß Japan Abschied nehmen von dem langvertrauten Politikertyp, der nichts mehr fürchtet als Profil und die offene Kontroverse.

Noch am Tag seiner Wahl zum neuen Regierungschef brach Nakasone mit der ehernen Grundregel seiner Partei und des gesamten öffentlichen Lebens des Landes: Dem geschlagenen Gegner wurde die Demütigung des Gesichtsverlustes nicht erspart. Die rivalisierenden Gruppen der Parteiherzöge Fukuda, Miki und selbst Suzuki sahen sich, anders als früher üblich, bei der Verteilung der zwanzig Kabinettsposten demonstrativ mager abgespeist. Selbst die unmittelbare Gefolgschaft des neuen Premierministers wurde mit nur zwei Ministersesseln belohnt. Der Löwenanteil der neuen Ämter ging statt dessen an die Anhänger jenes Mannes, der wie kein anderer aus dem Hintergrund die Fäden für Nakasones Wahl gezogen hatte: Kakuei Tanaka, gegen den immer noch wegen Bestechung im Lockheed-Prozeß ermittelt wird.

Als elementarer Verstoß gegen politische Traditionen und den Loyalitätskodex der Regierungspartei gilt selbst in den eigenen Reihen die Ernennung von Masaharu Gotoda, einem früheren Polizeioffizier und Mitglied der Hausmacht des ehemaligen Regierungschefs Tanaka, zur Schlüsselfunktion des ersten Kabinettssekretärs. Sieben weitere Vertraute Tanakas wurden auf maßgebliche Positionen im Kabinett berufen. Das Generalsekretariat der Partei wird von Tanakas skandalerprobtem Gefolgsmann Nikaido verwaltet.

Regierungspartei und Öffentlichkeit zeigen sich ungläubig gelähmt – wie nach einem Putsch. Selbst in den Augen von Amtsvorgänger Suzuki, einem treuer Wegbereiter Nakasones und ebenfalls mit Tanakas Segen zur Macht gelangt, hat der "neue starke Mann" die politische Etikette sträflich vernachlässigt. Der große Gegenspieler von Nakasone und dessen Förderer Tanaka, Parteisenior und Ex-Regierungschef Fukuda, blieb stumm.

Um so schärfer reagierten Japans Medien. Für Presse und Fernsehen gilt die neue Regierungsmannschaft als "das dritte Schattenkabinett Tanakas" (nach Ohira und Suzuki) oder prägnanter als die "Regierung Tanakasone". Gewerkschaften und Oppositionsparteien geißeln Nakasone als "Tanaka-Surrogat".