Von Aloys Behler

Unter Darmstädter Nachtleben könne man sich vielleicht so recht nichts vorstellen, hatten die Veranstalter nicht grundlos vermutet und in der Ankündigung ihres "Nachtprogramms" eingestanden, die Darmstädter Nacht sei an sich nicht vorhanden. Denn "in Darmstadt sieht man sonst nachts fern oder schläft – nichts Ungewöhnliches also".

Aber da gibt es in der Darmstädter Nacht immerhin die "Goldene Krone". Das ist ein ehemals gutbürgerlicher Gasthof, der inzwischen malerisch heruntergekommen und aufgestiegen ist zum anheimelnd-baufälligen Nachtasyl der Jugend und der fröhlichen Freaks der Finsternis. Hierher, zu Disco-Schwof und Video-Show, zur Reggae-Band und zum einsamen Mann am Klavier in der Rockybar, zu Filmgenuß, Flipperfreuden und Notturno auf der Kneipenbühne, verführte der Deutsche Werkbund die Teilnehmer am Internationalen Darmstädter Werkbundgespräch über das einschlägige Phänomen: die Nacht.

Nach der Theorie der vielen Referate über die Nacht im Licht des Tages ein bißchen Nacht zum Greifen – Tatort Nacht, Ortsbesichtigung. Da kamen Leute zum nächtlichen Lokaltermin in die Schustergasse, die sonst nachts schlafen oder fernsehen. Und so stand es ihnen wohl ins Gesicht geschrieben, denn angestammte Nachtgänger der "Krone" schienen ob des Andrangs dieser so offensichtlich Fremden in der Nacht nicht wenig irritiert. Einige glaubten gar, hier und heute wohl "nicht richtig" zu sein. Ein Gefühl, das drinnen in der drangvollen Enge, in der stickigen Luft und dem funzligen Licht den Fremdgänger seinerseits befiel: Die Nacht ist nicht für alle in gleicher Weise da.

Aber für jeden irgendwie, zweifellos. Der Deutsche Werkbund hat eine originelle Idee gehabt, als er sie zum Gegenstand seines 11. Internationalen Werkbundgesprächs machte, des dritten in der Reihe "Produkt und Alltag". "Aufwachen, Freunde!" appellierte Vorsitzender Lucius Burckhardt in seinem einleitenden morgendlichen Weckruf überzeugend; es geht um die Nacht – bei Lichte besehen ist sie nicht mehr, was sie einmal war.

Die Nacht ist, nach Burckhardt, was dem Menschen noch zu kolonisieren blieb, als schon alle Welt besiedelt war. So wie sie heute ist, ist sie gemacht, verändert und noch immer veränderbar; durchlöchert vom Raster unserer Geschäftigkeit, versehen mit Nachtzügen, Nachtlokalen, Nachtprogrammen, Nachtschichten. Das Territorium zwischen Abend und Morgen ist erschlossen, die Nacht beinahe zum Tage gemacht.

Nicht aus den edelsten Motiven, so scheint es, hat es der Mensch mit der Nacht so weit kommen lassen. In erster Linie trieb ihn sein Erwerbssinn – denn Zeit ist Geld und also läßt der Mensch sein Kapital auch nachts nicht ruhen; in zweiter Linie war es die Lust am nächtlichen Vergnügen. Nachtdienstbereitschaft aller möglichen Betriebe und Gewerbe war die zwangsläufige Konsequenz.