Von Hanno Kühnert

Von jeher will der Kranke wissen, was der Arzt, dem er sich anvertraut, mit seinem Körper und seiner Krankheit anstellt. Der Wunsch des Kranken und später vielleicht des Geheilten entspringt nicht nur dem Interesse an sich selbst. Solange er krank ist, hat der Patient Angst. Unwissenheit vergrößert die Furcht. Viele, nicht alle Patienten, werden ruhiger, wenn sie Einzelheiten erfahren. Nach der Behandlung steigert sich das Interesse noch: Der frühere Patient will über diesen Lebensabschnitt Bescheid wissen. Vielleicht will er auch eine Kontrolle über den Arzt haben und nachprüfen, was mit ihm gemacht wurde. Dies gilt vor allem, wenn der Heilungsprozeß oder die Operation mißlungen sind. Aber dem mündigen Patienten scheint es heute längst auch aus anderen Gründen legitim, Einblick in seine Krankenpapiere zu nehmen.

Patienten und Juristen sehen das Verhältnis zwischen Arzt und Patient sachlicher als früher; sie wollen es entmythologisieren und beide Partner zunehmend als gleichrangige Vertragsparteien einordnen, mit gleichwertigen Pflichten. Die meisten Ärzte hingegen leisten gegen den Anspruch des Patienten, nachträglich die Krankenpapiere einzusehen, erbitterten Widerstand. Sie bestehen auf einem Vertrauensverhältnis, das zur Heilung nötig sei, weil nur der Arzt kraft Ausbildung und Kenntnis wissen könne, was dem Kranken nütze und was ihm schade. Der Wille des ja meist unwissenden Kranken müsse gegenüber dem "Wohl des Kranken", wie der Arzt es sehe, zurücktreten. Das von den Ärzten in Anspruch genommene "therapeutische Privileg" gebiete es, Auskünfte zurückzuhalten, weil sie den Kranken irritieren können. Wenn der Arzt die Aufzeichnungen über die Behandlung – auch danach – offenlegen müsse, schade das dem Vertrauensverhältnis.

In den Fachzeitschriften der Juristen und Ärzte wurde in den vergangenen Jahren erbittert über das Recht des Patienten, die Krankenunterlagen einzusehen, gestritten, zumal viele Urteile der Oberlandesgerichte neuerdings den ärztlichen Standpunkt nicht mehr teilten und Patienten konsequent Einblick in ihre Arztunterlagen gewährten.

Die wichtigsten Argumente für diese Änderung der Anschauungen: Nicht mehr Unterordnung, Unwissenheit und medizinische Vorrechte prägen das Arzt-Patient-Verhältnis, sondern vertragliche Gleichrangigkeit. Deshalb hat der Patient ein allgemeines Recht auf Informationen; die Aufarbeitung seiner Krankheit muß ihm möglich sein. Außerdem soll ihm eine gewisse Kontrolle über den Arzt eingeräumt werden; die Sorgfalt der Behandlung kann dadurch nur gewinnen. Es wird dem Patienten überlassen, ob er darauf besteht, auch für ihn ungünstige Tatsachen und Meinungen zu erfahren und zu verkraften: Der mündige Patient entscheidet über den Informationsfluß, nicht mehr nur der "Halbgott in Weiß".

Der Patient nimmt damit auch Schäden für sich in Kauf; sein Selbstbestimmungsrecht steht höher als das "therapeutische Privileg Und ein anderer wichtiger Gesichtspunkt kommt hinzu, den das Oberlandesgericht Köln so formulierte: Es sei eine "allgemein bekannte Tatsache, daß in kaum einem anderen Prozeß die Beweislage ... so schlecht ist wie die des Patienten im Rechtsstreit gegen den Arzt wegen eines Behandlungsfehlers".

In der Tat mußten Patienten bisher das Strafrecht gegen den Arzt in Anspruch nehmen, wenn sie Unterlagen für einen Prozeß brauchten, in dem der Arzt für Schäden haften sollte – sie mußten die Unterlage beschlagnahmen lassen, weil sie keinen zivilrechtlichen Anspruch auf Einblick hatten.