Es waren die französischen Romantiker des Kreises um Sainte-Beuve und George Sand, die in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Buch als Schlüssel zum eigenen Selbstverständnis, entdeckten, das 1804 bei seinem Erscheinen kaum Beachtung gefunden hatte. Allerdings fiel die Publikation des Briefromans "Oberman" von Étienne Pivert de Senancour in die spannungsgeladene Zeit der Militärherrschaft Napoleons, in der das melancholisch-reflexive Bekenntniswerk dieses Einzelgängers kein Echo erwarten konnte, der heute als eine der wenigen, großen Stimmen der Stille in der französischen Literatur erscheint. Erschwerend kam hinzu, daß der Autor, der seine persönlichen Briefe bezeichnenderweise mit "der Eremit" unterschrieb, zurückgezogen, fern von den einflußreichen literarischen Salons lebte. Ein Einsiedler, den eine unglückliche Jugend und Ehe zum Außenseiter gemacht hatten.

1770 als einziger Sohn eines hohen Finanzbeamten in Paris geboren, wuchs er in der Enge und unter dem Druck der moralisch strengen, weltfeindlich asketischen Religiosität seiner Eltern auf, die der rigorosen katholischen Reformbewegung des Jansenismus anhingen und keinen frommeren Wunsch hegten, als ihren Sohn in der Priestersoutane zu sehen. Aus Gewissensgründen lehnte der junge Senancour nach humanistischen Studien die ihm zugedachte theologische Laufbahn ab und floh, um jeglichem Zwang zu entgehen, im Juli 1789, dem Jahr und Monat der Französischen Revolution, in die romanische Schweiz. Nicht politische Gründe scheinen diese Flucht bestimmt zu haben, sondern das elementare Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Außerdem drängte es ihn, das Land Jean-Jacques Rousseaus kennenzulernen – vor allem den Genfer See, die Heimat Julie d’Etanges, der Hauptfigur aus Rousseaus gefühls- und gesellschaftsutopischem Roman "Die neue Héloise". So befreit, wie er sich als Kind im Wald von Fontainebleau gefühlt hatte, der in seinem Werk eine bedeutende Rolle spielt, fühlte Senancour sich auch im Kanton Vaud zwischen Lausanne und dem "gleißenden Firnelicht" des Bergmassivs der "Dents du Midi", auf denen später Oberman das entrückte Erlebnis kosmischer Harmonie zuteil wird.

Noch nicht zwanzigjährig kommt Senancour nach Fribourg und heiratet dort die Offizierstochter Marie Daguet, die ihren früh von Gichtanfällen gequälten Mann bald zu betrügen beginnt. 1895 verläßt er seine Frau und die beiden Kinder (die er später zu sich holt) und kehrt als Hauslehrer der mäzenatischen Aristokratenfamilie d’Houdetot nach Paris zurück, wo er – abgesehen von einem erneuten, kürzeren Schweizaufenthalt – bis zu seinem Tod 1846 fast völlig isoliert von der Außenwelt lebt. Das plötzlich für sein Werk erwachte Interesse der Romantiker sowie die überschwenglichen Komplimente Balzacs vermochten den damals über Sechzigjährigen nicht mehr aus seiner Klausur zu locken. Die Gesellschaft, vor der er schon in den "Reveries" seines ersten Buches in abgelegene, symbolträchtige Landschaften geflohen war, erschien ihm nun noch geschmack- und gesichtsloser, als sie Oberman, Titel- und Erzähler-Gestalt seines wichtigsten und poetischsten Werkes, gesehen hatte –

Etienne Pivert de Senancour: "Oberman", Roman in Briefen, aus dem Französischen und herausgegeben von Jürg Peter Walser; Insel Verlag, Frankfurt, 1982; 412 S., Abb., 38,– DM.

Zweifellos ist dieses Buch mit seinen rund neunzig Briefen, die der junge Oberman über zehn Jahre hin aus Paris, Fontainebleau, Lyon, vor allem aber aus der Schweiz an verschiedene Adressaten schreibt, weniger ein Roman als eine Folge autobiographischer Skizzen im Sinne eines "journal intime". Doch ist es wiederum mehr als nur der "Ausdruck eines empfindenden Menschen", wie es in der "Vorbemerkung" heißt, der allein für wenige "Eingeweihte" seine innersten Gefühle bloßlegt: um im Niederschreiben zu einer Art Selbsterlösung aus einer tiefen geistigen und psychischen Krise zu gelangen. So hat Franz Liszt, der zwei der Klavierpoeme seiner "Annees de pelerinage" Themen aus dem "Oberman" widmete, das Werk gelesen und es als "das Buch" bezeichnet, "das stets meine Leiden betäubte".

Senancour ist kein exaltierter, rein ich-bezogener Romantiker, dem es nur um die spontane, unreflektierte Aufzeichnung der chimärischen Träume eines von und an der Welt enttäuschten, in die Einsamkeit der Natur geflüchteten Individuums geht. Selbst wenn das Problem der Einsamkeit und Verlassenheit eine der wesentlichen Konstanten dieses diffusen, oft widersprüchlichen Romans ist, so wurzelt es doch nicht im romantischen Weltschmerz, sondern im Bewußtsein eines Menschen, der sich orientierungslos auf der Schwelle zwischen zwei Zeiten sieht: der Aufklärung und einer erhofften neuen Zeit. Die Ideen Voltaires, Diderots, Rousseaus, die er durch die postrevolutionäre Phase des napoleonischen Regimes verraten sieht, geistern als ideologische Schemen zwar noch immer in Obermans Kopf, wie die langen philosophischen und politisch-sozialkritischen Exkurse in seinen Briefen zeigen. Aber angesichts der restaurativen Züge der damaligen französischen Gesellschaft überkommt ihn Lebensekel, quält ihn ein Gefühl der "nausée", des "ennui", verblüffend ähnlich dem mehr als ein Jahrhundert später von Sartre und Camus aufgefächerten Existenzgefühl.

"Oberman", das ist der "Homme révolté", der "Mensch in der Revolte" des beginnenden 19. Jahrhunderts, der in seinen Überlegungen zum Für und Wider des Selbstmords fast zu den gleichen Schlüssen kommt wie Camus in seinem "Mythos von Sisyphos". Allerdings bleibt dem zwischen selbstzerstörerischer Passivität und hybridem gesellschaftlichen Erneuerungswillen schwankenden Oberman noch der Evasionsbereich einer "anderen Welt": die reine unberührte Natur vor allem des Hochgebirges, wo sich ihm der Kosmos noch in seiner wesenhaften Wirklichkeit offenbart und die harmonische Ordnung der Dinge hoch gewährleistet scheint, die er in lyrisch impressionistischer Sprache beschreibt, ohne dabei in die Idyllik Rousseaus oder Gessners zurückzufallen.