Selbstverständlich hat auch der Präsident des Bundesgesundheitsamtes (BGA) das Recht auf eigene Meinung. Schade nur, daß es Professor Überla angesichts der zugegebenermaßen sehr kritischen Analyse seiner Amtspolitik bei Amts-Ansichten beläßt.

Pyrazolone: Daß Ärzteblätter wie Medical Tribune fast immer gegen Verbraucherschutzmaßnahmen Stellung beziehen, weil sie den Doktor für die einzig kompetente Instanz halten müssen, ist nicht neu. Überla sollte es besser wissen. Mit keinem Wort erwähnt er, daß hierzulande nicht zu wenige Schmerzmittel konsumiert werden, sondern daß deren leichtfertiger Gebrauch erschreckende Dimensionen angenommen hat. Es ist deshalb nicht einzusehen, daß Mittel mit unbestritten schwersten Nebenwirkungen (auch wenn diese nicht jeden Tag eintreten), rezeptfrei erhältlich bleiben. Fest steht: Gegen strikte Expertenwarnungen vor Dauergebrauch von Pyrazolonen wurde auf Intervention des BGA-Präsidenten hin das weite Anwendungsgebiet der Rheumabehandlung wiedereröffnet. Wie kann man da von „erheblichen Einschränkungen“ und „Erhöhung der Arzneimittelsicherheit“ sprechen? In dieser Frage ist die Bundesrepublik kein Vorreiter, wie Überla glauben machen will. Bestes Beispiel ist Metamizol, der wichtigste Schmerzhemmer aus der Pyrazolon-Gruppe: Die Substanz ist in vielen Ländern, auch in den USA, nicht zugelassen, in anderen strenger Rezeptpflicht unterworfen; frei erhältlich ist sie nur in Österreich, Israel und – bei uns. Darf die Entscheidung über solche „akzeptable Risiken“ allein dem Patienten überlassen werden?

Coxigon: Der Hersteller kannte die Risiken. Das Bundesgesundheitsamt hat – anders als einige Behörden im Ausland – die Zulassung an Hand wissenschaftlich unzulänglicher Prüfungsverfahren ausgesprochen. Die schweren Nebenwirkungen waren längst bekannt, ohne dat die Behörde reagierte. Von Druck auf den Produzenten seitens des BGA kann nicht die Rede sein.

2,4,5-T: Internationale Literatur und Entscheidungen im Ausland zeigen sehr wohl, daß der Verdacht auf Gesundheitsgefahren, die von dieser Pflanzenschutz-Substanz ausgehen, stark genug ist, um erst einmal zu handeln.

Nach einem Jahr sollte auch der neue BGA-Präsident wissen, daß einige seiner qualifizierten Mitarbeiter nicht glücklich über die Entscheidungen der letzten Zeit sind. Die offizielle Verlautbarung zur Versetzung Professor Schönhöfers ist bekannt. Ich halte die Formulierung „Abstellgleis“ aufrecht. Der Betroffene ist wohl beamtenrechtlich kaum in der Lage, öffentlich zu bekunden, welcher Version er zuneigt.

Die gesamte Überla-Stellungnahme ist von dem Bedürfnis des Statistikers nach eindeutigen Beweisen gekennzeichnet. Der Statistiker sollte aber eigentlich auch wissen, daß sich auf einem hohen Abstraktionsniveau alles und nichts beweisen läßt. Bei ihm gibt es merkwürdige Ähnlichkeit zu Argumentationswidersprüchen bei Pharma-Firmen: Wenn es um die angeblich phantastische Wirksamkeit eines Präparates geht, werden „klinische Studien“ als Referenz herangezogen; wenn der Verdacht auf Nebenwirkungen auftaucht, heißt es jedoch, „das läßt sich mit epidemiologischen Methoden nicht belegen.“

Gesundheitsschutz läßt sich nicht mit (generell berechtigten) wirtschaftlichen Interessen abwägen. Eben hier scheiden sich die Geister: Nicht „keiner Herren Diener“, sondern Diener der gesamten Bevölkerung sollte ein Bundesgesundheitsamt sein – Diener des Verbrauchers, der ansonsten weder über das wirtschaftliche noch über das wissenschaftliche Potential beispielsweise der Industrie verfügt.

Aus Überlas Entgegnung ist für mich nicht ersichtlich, wo meine Kritik fehlerhaft sein soll. Sein Versprechen, das BGA werde „versuchen, besser zu werden“, läßt hoffen, daß geschieht, was mit dem Artikel beabsichtigt war: einen Prozeß des Nachdenkens im Berliner Bundesgesundheitsamt auszulösen. Justin Westhoff