Von Norbert Denkel

Der französische Zeichner Sempé hat eine ’Geschichte aus dem Leben festgehalten: Auf der Suche nach einem neuen Typ für eine Werbekampagne wird ein Mädchen gesucht, das sich natürlich äußerlich von allen anderen Mädchen unterscheiden soll. Viele Fachleute begutachten die Anwärterinnen, sind schließlich von einer ernst blickenden langhaarigen Blonden beeindruckt.

Nach allgemeiner Beratung wird die Dame zum Spezialisten geschickt – daraufhin ist das Langhaar hin, weil Kurzhaar "in" ist. – Neuerliche Beratung: blond ist doof, also, noch kürzer und rabenschwarz soll der Schopf werden. Gesagt, gemacht – nun fehlt aber wieder etwas, was ein anderer Profi schnell raus hat – es müssen Sommersprossen aufgemalt werden. Aber nun stimmt es nicht mehr unter dem BH. Ein neuer Profi löst auch dieses Problem: zwei schwarze Punkte werden aufgemalt. Und jetzt sieht die neue Entdeckung endlich so aus, wie sich alle Profis etwas Neues für den Markt vorstellen. Der Photograph braucht sie nur noch unter tausend Sonnen zu stellen und vor der Motorkamera hüpfen und lachen zu lassen.

Was diese trübe Geschichte mit dem hier zu beschreibenden Buch zu tun hat? Nun, der "originelle Stoff" war in diesem Fall nicht nur unter die Spezialisten gefallen, sondern auch in die Hände eines Liebhabers. Eine verlegerische Tat. Der Mann heißt Nico Neumann und war bis vor kurzem der Herausgeber der "stern"-Bücher.

Verursacher des Ganzen war aber ein Sammler, der Reporter Robert Lebeck, von Berufe wegen auch ein Sammler von Geschichten, was er mit dem Photoapparat besorgt. Er ist unstreitig einer der besten Photographen. Er hat die Idealkombination für seine Profession: den Sinn für das Ereignis, das Gespür für den bildhaften Augenblick und den Gesichtsausdruck der Unauffälligkeit, seine Tarnkappe. Eines Tages begann er zu sammeln. Meiner Erinnerung nach war es Jugendstil. Danach sammelte er Kunst. Als man schon fast den Eindruck hatte, er sammle alte Häuser, verlegte er sich auf das Stöbern nach Liebig-Karten. Als er innerhalb kurzer Zeit alles an Liebig-Karten doppelt und dreifach zusammen hatte, begann er Postkarten zu sammeln. Aus aller Welt. Es wurden immer mehr. Zu Hause sah man ihn nur noch beim Ordnen der Karten. Eine Unterabteilung schälte sich bald heraus: Original-Photographien als Postkarten.