Von Hanjo Kesting

In den persönlichen Notizen Thomas Manns aus den Kriegsjahren 1940-1943, die jetzt, rund vierzig Jahre nach ihrer Niederschrift und mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Tod ihres Verfassers, veröffentlicht worden sind, findet sich, unter dem Datum des 20. Februar 1942, eine ebenso merkwürdige wie bewegende Notiz: „Las lange in alten Tagebüchern aus der Klaus-Heuser-Zeit, da ich ein glücklicher Liebhaber. Das Schönste und Rührendste der Abschied in München, als ich zum erstenmal ‚den Sprung ins Traumhafte‘ tat und seine Schläfe an meine lehnte. Nun ja – gelebt und geliebet. Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte – es war da, auch ich hatte es, ich werd es mir sagen können, wenn ich sterbe.“

Thomas Manns Homoerotik ist von seinen Biographen und Interpreten bisher meist mit großer Zurückhaltung behandelt worden. Hinweise darauf findet man in seinem Werk, in indirekter Form etwa im „Tod in Venedig“, dann vor allem in den früher veröffentlichten Tagebüchern. Dort spricht er einmal, im Juli 1920, von seiner „reizbaren Schwäche infolge von Wünschen, die nach der anderen Seite gehen“ und dankt seiner Ehefrau Katia für „ihre Güte“ gegenüber dem, was er seine „sexuelle Problematik“ nennt.

Gelegentlich tauchen in den Tagebüchern die Initialen P. E. auf – Erinnerung an den Jugendfreund Paul Ehrenberg, das Vorbild der Rudi Schwerdtfeger-Figur aus dem „Doktor Faustus“, und an eine Zeit der homoerotisch motivierten Gefühlsverwirrung, in der Thomas Mann, wie wir aus einem frühen Brief an seinen Bruder Heinrich wissen, sich mit „Gedanken an eine Selbstabschaffung“ trug. Auch der Name Klaus Heuser (Thomas Mann hatte den Siebzehnjährigen, den Sohn des Direktors der Düsseldorfer Kunstakademie, 1927 auf Sylt kennengelernt und ihn zu sich nach München eingeladen, wo er ihm, wie der Herausgeber Peter de Mendelssohn schreibt, „viel Zeit und Aufmerksamkeit“ widmete) begegnet uns in den Tagebüchern immer wieder, nicht nur im September 1935 anläßlich einer Wiederbegegnung im Zürcher Exil, sondern eigentlich immer dann, wenn Thomas Mann für eine erotische Episode in seinem Werk ein entsprechendes Stimulans braucht und sich zu diesem Zweck noch einmal in die Tagebücher von 1927, aus der Zeit ihrer ersten Begegnung, hineinlesen muß.

Diese Tagebücher selber hat er, wie fast alle seine persönlichen Aufzeichnungen aus der Zeit vor 1933, später vernichtet. Aber wir wissen aus den erhalten gebliebenen Tagebüchern, daß Thomas Mann im Frühjahr 1933, als ihn die Machtübernahme der Nationalsozialisten während einer Auslandsreise überraschte, wochenlang von der Sorge beherrscht war, die in seinem Münchner Haus zurückgebliebenen verräterischen Dokumente könnten vielleicht in unbefugte Hände fallen.

Soviel ist deutlich, Thomas Mann scheute den Blick der Mitwelt und der Nachwelt in seine intimen Geheimnisse. Doch sogar das Wenige, das zu unterdrücken ihm nicht gelang, ist für seine „sexuelle Problematik“ noch aufschlußreich genug – vor allem die gelegentlichen Begegnungen mit Knaben und jungen Männern, in denen er sich in die Rolle des sehnsüchtigen Betrachters, ja des Voyeurs gedrängt sieht. Die Tagebücher verzeichnen oft nicht mehr als einen zufällig aufgefangenen Blick, einen sprechenden Augenaufschlag, eine erotisch ansprechende Körperbewegung. Noch der fast Siebzigjährige erfreut sich am Strand von Pacific Palisades in Kalifornien, wie der Schriftsteller Gustav von Aschenbach in der Venedig-Novelle, an der Schönheit und Anmut junger männlicher Körper: „Gestern am Strand erinnerungswerte Erscheinung eines Negers, ballspielend, in Badehose mit zwei Weißen. Überraschender Anblick des matt-schwarzen Körpers, herkulisch-wohlgebaut. Ungewollte Obszönität der Bewegung beim Eingraben der gespreizten Füße in den Sand. Blecken der weißen Zähne“ (8. 5. 41).

Aus solchen flüchtigen Eindrücken, die, wie es scheint, in den Zwängen seiner bürgerlichen Existenz und eines streng geregelten Tagesablaufs selten genug waren, und aus den noch selteneren emotionalen Erlebnissen setzte sich der kärgliche Lebensstoff zusammen, den Thomas Mann immer wieder zu Literatur verarbeitete und mit dem er haushälterisch umging. Den Aschenbach der Erzählung ließ er an der Befreiung und Enthemmung seiner besonderen Sexualität zugrunde gehen.