Von Rainer Schauer

Zwischen den grünen Hügeln Afrikas im runden Schatten des Kilimandscharo erinnerte er sich in Fieberträumen an die schneeweißen Tage in einem vergessenen Dorf in den Bergen Vorarlbergs. Er phantasierte von weichem Lampenlicht in warmen Wirtsstuben, in denen es rauchig und nach jungem Wein roch. Ziehharmonikaspiel glaubte er zu hören und das Schrammen nagelbeschlagener Stiefel auf knarrenden Holzdielen.

Sehr viel später, kurz vor seinem Tod, fielen sie ihm dann noch einmal ein, die kälteklirrenden Nächte und die sonnenwarmen Tage in Schruns im Montafon. Die wenigen Wochen, die Ernest Hemingway im Winter 1925/26 hier verbrachte, waren die letzten Stationen in seinem Leben, in denen "wir sehr arm und sehr glücklich waren". 1926 erschien "Fiesta", der Dichter der "verlorenen Generation" wurde berühmt, Schruns, das er "liebte", hat er nie wiedergesehen, aber auch nie vergessen.

"Der Winter mit den Lawinen", schrieb er in seinem postum veröffentlichten Buch "A moveable Feast", in dem er das letzte Kapitel ausschließlich Schruns widmete, "war wie ein glücklicher unschuldiger Winter unserer Kindheit." Nur einen Absatz später klingt es fast wehmütig, wie auf der Suche nach der verlorenen Zeit: "Dann sind die Reichen da, und nichts ist je wieder so, wie es war."

Als nach dem zweiten großen Krieg die Wintertouristen nach Schruns kamen – 230 136 waren es in der Schneesaison 1980/81 –, verschwand die Armut aus den engen Gassen und den verwitterten Holzhäusern. Das sanfte Diktat des Schillings schuf ein anderes Glücksgefühl als es die noch weitgehend unberührte Natur in dem Hochtal vermitteln konnte. Glück war jetzt statistisch erfaßbar – in Nächtigungszahlen und auf den Kontoauszügen der Raiffeisenbank. Das war gut so. Aber in den wenigen stillen Wochen vor Weihnachten, wenn kein fremder Fuß durch Schruns spaziert, dann kommt beim Veltliner an kunststoffbeschichteten Wirtshaustischen schon manchmal das Gespräch auf die Zeiten, als die Fremden noch nicht den Jahresablauf bestimmten. Die Architektur zieht in der Marktgemeinde die Grenzen zwischen alt und neu. Der kleine Bahnhof und das alte Hospital müssen auch schon früher isoliert gestanden haben. Die heilige Dorf-Dreifaltigkeit – Kirche, Rathaus, Gasthaus – bildet noch immer das Zentrum von Schruns. Links an der Kirche mit dem Zwiebeltürmchen vorbei winkelt sich die kleine Fußgängerzone zum Ufer der grünen Litz hinunter. Hier gibt es noch ein paar der vollkommen aus Holz gebauten Häuser der Walser, deren Vorfahren im 13. Jahrhundert aus dem Wallis ins Montafoner Tal gekommen waren. In wenigen Minuten ist der geschlossene Ortskern umrundet. Dann beginnen sich die Straßen und Wege in zerstreuten Neubausiedlungen zu verlieren, wo die teuren Hotels und die preiswerten Pensionen stehen. Aber über dem Eingang zum Heimatmuseum ist wie tröstend zu lesen: "Wer das Alte schätzt, der schützt es auch."

Diesem Satz stimmt Karl Perathoner gern zu. Aber gegenwärtig beschäftigt den Direktor des Verkehrsverbandes Montafon und Geschäftsführenden Obmann des Skiclubs Montafon mehr die Zukunft denn die Vergangenheit. Am 15. und 16. Januar 1983 nämlich zieht mit Sack und Pack die gesamte weibliche Skifahrer-Elite in Schruns-Tschagguns ein. Slalom und Abfahrt sind ausgeschrieben. Es geht um FIS- und Weltcup-Punkte. Spektakulär wie immer wird es werden. Die "Streif der Damen" nennen Ski-Experten die schnelle Abfahrt vom Golm in Anlehnung an die gefürchtete "Streif" in Kitzbühel. Start in 2022 Meter Höhe am Hüttenboden. Vorbei am Rauh-Eck und auf das gefährliche Pröll-Eck zu. Hier stürzte 1979 Österreichs Ski-As Annemarie Moser-Pröll und verlor den schon sicher geglaubten Weltcup-Sieg an die Liechtensteinerin Hanni Wenzel. "Dort", sagt Karl Perathoner, "kannst’ die Mädchen schreien hören." In tiefer Hocke rasen die Läuferinnen mit 80 oder 90 Stundenkilometer Geschwindigkeit auf eine Kante zu – und dann fliegen sie ins Leere. 20 Meter, 30 Meter, keine griffige Piste unter den Brettln. "Es gehört ungeheurer Mut dazu", so Perathoner, "bei dieser Geschwindigkeit und bei diesen Sprüngen in der Hocke zu bleiben." Deswegen schreien die Mädchen – aus Angst. Dann führt die Strecke in langgezogenen Kurven vorbei am Koga-Bödli und Schnegga-Bündta, bevor die Rennläuferinnen den gefährlichen Zielschuß erreichen.

1963 trotzten die Vorarlberger gemeinsam mit den Gasteinern aus dem Salzburger Land dem mächtigen Tiroler Skiverband die Ausrichtung eines FIS-Rennens ab. Die Tiroler verzichteten auf das Damen-Rennen in Kitzbühel. Nun wechseln sich Schruns-Tschagguns und das Gasteiner Tal alle zwei Jahre mit der Austragung des Weltcup-Rennens ab.