Von Gabriele Venzky

Goldener Tempel, Amritsar. Eine riesige Anlage inmitten der heiligen Stadt der Sikhs, durch kräftige Außenmauern vom quirligen Treiben der Basare abgeschirmt. Oben auf dem sicheren Dach der Tempelfestung lagert auf einem weißen Diwan malerisch ein Mann. Scharfes Profil, Hakennase, langer schwarzer Bart, tiefliegende Augen, safranfarbener Turban, knielanges, zartgraues Gewand. Ein schwerer Patronengurt hängt ihm quer vor der Brust, an der Seite trägt er den dazugehörigen Revolver – und ein Schwert. Der Mann hat die Augen geschlossen, er schweigt, Und andächtig schweigt die vor ihm auf dem Boden sitzende Menge, aufmerksam observiert von vierzig finsteren Gestalten, bewaffnet mit Revolvern und entsicherten automatischen Gewehren,

Der Mann auf dem Diwan hebt langsam seine schweren Augenlider. Das eine, das linke, bleibt halb geschlossen, ist geschwollen. Seine Augen blicken spöttisch, verächtlich. Sant Jarnail Singh Khalsa Bhindranwale, 35 Jahre alt, aber viel älter aussehend, weiß, wer er ist, Seine Anhänger nennen ihn einen Heiligen. Dagegen hat er nichts einzuwenden. Er selbst bezeichnet sich zu Beginn des Gesprächs als geistigen Führer der Sikhs, zwei Stunden später aber bereits als den wahren Anführer der Bewegung.

Kushwant Singh, Chefredakteur der großen indischen Zeitung Hindustan Times und selbst ein Sikh, charakterisiert ihn als "den Chomeini von Khalistan". Khalistan, die Vision extremistischer Sikhs, die einen eigenen autonomen Staat im Norden Indiens fordert, ist lebendiger denn je.

Bombenattentate, politische Morde und Flugzeugentführungen sind seit einem Jahr an der Tagesordnung. Aber im August gab Bhindranwale schließlich die Parole zur "Morcha" aus, zur großen Agitation. Seitdem ist der Punjab zum Pulverfaß geworden, Kein Tag vergeht, an dem es nicht irgendwo im Lande zu Massendemonstrationen kommt, wo sich nicht Hunderte und Tausende von der Polizei demonstrativ festnehmen lassen. Denn noch ist der Widerstand gewaltlos, relativ zumindest. Aber Bhindranwale will nicht dafür bürgen, daß es auch so bleibt. Im Gegenteil, die Krise im Punjab wird sich zuspitzen.

Der Sant – das heißt sowohl Heiliger wie religiöser Führer – hält sich bedeckt und damit alle Optionen offen. Hinter seiner Lieblingsphrase "Die Zeit wird es an den Tag bringen" verbirgt sich das ganze Spektrum, das von gewaltlosem Widerstand bis zur bewaffneten Rebellion reicht. "Nichay kar appani geet korun" – der Sant ist sich sicher: "Der Sieg ist unser!". Schließlich: "Ich kann alles, was ich will. Denn aus mir spricht Guru Granth Sahib – das heilige Buch der Sikhs."

Das sind gefährliche Worte aus dem Munde eines Mannes wie Bhindranwale, eines fanatischen Missionars, dem es auf ein paar Menschenleben nicht ankommt. Als zwei arg zusammengeschlagene Mitglieder seiner Sekte vor ihn hingeführt werden und in klagendem Singsang berichten: "Wir waren 600, aber da waren 1100 Polizisten", herrscht er sie an: "Wie könnt ihr es nur wagen, nicht auf dem Schlachtfeld zu bleiben." Die Menge nickt zustimmend.