Von Hans-Christoph Blumenberg

Aus der Ferne sieht das alte Kloster nicht ungewöhnlich aus. Doch hinter den klobigen mittelalterlichen Mauern erwartet den Besucher eine seltsame Szenerie. Die ehrwürdige Abtei, irgendwo in Westeuropa, ist für ein paar Wochen in ein türkisches Gefängnis verwandelt worden. Im weiträumigen Innenhof weht die rote Fahne mit weißem Halbmond und Stern, an allen Mauern prangen türkische Plakate und Schilder. Das Gelände, diskret bewacht von schnauzbärtigen dunkelhaarigen Männern mit Walkie-Talkies, birgt einen kostbaren Gast: Yilmaz Güney, Volksheld im Exil, 1981 nach sieben Jahren aus einem türkischen Gefängnis geflohen, vor wenigen Wochen von der faschistischen türkischen Militärjunta ausgebürgert, dreht unter großer Geheimhaltung einen neuen Film.

In der Türkei nannten sie ihn den "häßlichen König". Seine Star-Postkarten aus den sechziger Jahren zieren noch immer die Stände der Schuhputzer in Ankara wie der Hirten in Anatolien. Er war der populärste Schauspieler des türkischen Kinos: ein edler Desperado, ein Brigant mit Herz, halb Robin Hood, halb Clint Eastwood. Allein für das Jahr 1965 weist seine Filmographie siebzehn Titel auf. So wurde Yilmaz Güney, 1937 in einem anatolischen Dorf geboren und mit jenem "anatolischen Lächeln" gesegnet, das sein großes Vorbild Elia Kazan dort fand; ein reicher Mann. Irgendwann reichte ihm das nicht mehr.

Das Idol politisierte sich. Güney, der Superstar des kommerziellen Kinos, begann 1968 seine eigenen Filme zu drehen, abseits des Betriebs, mit bescheidenem Aufwand, geprägt von einem scharfen Blick auf soziale Mißstände, Elend und Unterdrückung. Die Filme von Yilmaz Güney haben einfache Titel: "Hoffnung", "Schmerz", "Elegie", "Der Vater", "Der Freund", "Angst", "Die Armen", "Die Herde", "Der Feind" und, zuletzt, "Der Weg" (Yol), jener Film, der 1982 in Cannes, zusammen mit "Missing" von Costa-Gavras, die "Goldene Palme" gewann.

Gewalttätige Balladen, archaische Melodramen in verkarsteten Mondlandschaften: Yilmaz Güney ist der Pasolini des türkischen Films, ein bildmächtiger Poet und Surrealist, aber auch sein Sergio Leone, ein Epiker des Terrors. In "Schmerz" (Aci, 1971), einem seiner besten Filme, spielt er einen blinden Bauern, der nach dem Geräusch von Glocken schießen lernt und in einem furiosen Showdown seine ehemaligen Gangsterfreunde zur Strecke bringt. In "Elegie" (Agit), seinem zweiten Meisterwerk von 1971, stellt er einen kurdischen Schmuggler dar, einen verlorenen Rebellen gegen die Armut. Viele Sequenzen aus diesem Film bleiben unvergeßlich: der Marsch der von großen weißen Sonnenschirmen geschützten Banditen durch eine weite Ebene, die mitten in einem Steinschlag ausgeführte Notoperation einer jungen Ärztin an dem verwundeten Anführer.

Mit seinen politischen Aktivitäten machte sich der "häßliche König" zunehmend unbeliebt. 1972 wurde er zum erstenmal zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt, kam aber im Mai 1974 wieder frei. Fünf Monate später starb bei einer Schießerei in einem Lokal in Adana ein Staatsanwalt. Nach einem höchst dubiosen Indizienprozeß, dessen Rechtmäßigkeit nicht nur von Güneys politischen Freunden angezweifelt wurde, fiel ein hartes Urteil über den unbotmäßigen Filmemacher: 19 Jahre Gefängnis. Aber auch in der Haft blieb Güney aktiv: Er schrieb Drehbücher, die von Mitarbeitern wie Zeki Ökten ("Die Herde", "Der Feind") und Serif Gören ("Der Weg"/Yol) nach genauen Anweisungen des Regisseurs verfilmt wurden. Im Oktober 1981 gelang Güney die Flucht in die Schweiz. Die einen Monat zuvor an die Macht gelangte Militär-Junta läßt ihn immer noch durch Interpol suchen.

So dient das Kloster dem "häßlichen König" im Exil auch als Fluchtburg. In einigen westeuropäischen Ländern kann er sich einigermaßen sicher fühlen, aber er fürchtet einen Anschlag von türkischen Mordkommandos. Das Gespräch, argwöhnisch beobachtet von einem Leibwächter, findet in einem zu einer türkischen Gefängniszelle umgebauten Klostergewölbe statt. Ein Assistent schafft den unvermeidlichen Tee herbei, ein anderer dolmetscht. In der Nacht zuvor hat Güney, silberhaarig, intensiv und leise, bis zwei Uhr morgens gedreht. Aber er wirkt nicht erschöpft.