Von Gerhard Sport

Im Wiesbadener Regierungspalais steht auf hohem, schmalem Sockel ein Bronzekopf von Georg August Zinn, der alles überragenden Gestalt der hessischen Landespolitik in den fünfziger und sechziger Jahren. Sein Blick, beherrscht und willensstark, schweift über die geschäftigen Besucher hinweg, die an ihm vorbei in die Amtszimmer hasten – eines von jenen Denkmälern der Politik. die alle irgendwie Goethes Vorbild nachempfunden sind: gravitätisch und der Wirklichkeit enthoben. Weil aber im Hause die Handwerker sind, ist der Kopf jetzt in ordinäre Plastikfolie eingepackt. Das verleiht der Statue neuen, aktuellen Symbolwert: Die schlechte Gegenwart hüllt den entrückten Landesvater schnöde ein – und der sieht auf einmal aus, als ob er ganz gegen seinen Willen in das Trauerspiel einbezogen worden sei, das seine Erben in Hessen aufführen.

Seine Erben: Holger Börner, einst von Zinn protegiert und auf den Weg gebracht; und Walter Wallmann, den Zinn als „einzigen Gegner von Rang und Ritterlichkeit“ geschätzt haben soll. Das Trauerspiel handelt vom verzweifelten Versuch, mit einem Wahlergebnis zu Rande zu kommen, das beide gleichermaßen ratlos und aggressiv macht.

Börner verharrt nolens volens in der Macht; er kann nicht recht regieren, weil ihm die Mehrheit im Landtag fehlt. Wallmann, dessen CDU die stärkste Fraktion stellt, würde ganz gerne regieren; allein, ihm fehlen die Mittel. Seit Ende September umkreisen sich die Konkurrenten – so hat es die Frankfurter Neue Presse beschrieben – „wie zwei Großkatzen, die darauf warten, daß die andere eine verwundbare Flanke zeigt“.

Wallmann, ganz der pflichtbewußte Staatsmann, erinnerte Börner genüßlich an all die Verbalinjurien, die dem Ministerpräsidenten eingefallen waren, ehe er sich gezwungen sah, zumindest pro forma mit den Grünen zu verhandeln. Börner entrüstete sich zur Vergeltung aus tiefster Seele, weil Wallmann auf die obskure Idee verfiel, eine „große Koalition auf Zeit“ anzubieten. Gemeinsam ist ihnen nur dies: Jeder nimmt für sich hehre Motive in Anspruch; für die des anderen bitten sie die Bürger um Mißtrauen. Aber beide wissen auch, daß die Politik des Scheins zwar momentan publikumswirksam ist, jedoch nicht überzogen werden darf.

Die Lage ist mißlich. Doch keiner vermag vorläufig daran etwas zu ändern. Deshalb hängt alles davon ab, wer nachhaltig den Eindruck erwecken kann, als arbeite er unablässig auf Veränderung hin. Das gelingt den Protagonisten unterschiedlich gut. Börner ist viel zu sehr ein Puritaner der Macht, um an verdeckten Winkelzügen Spaß zu haben und auch noch gut dabei auszusehen. Daß er Alfred Dregger wider Erwarten standhalten konnte, hat ihm Genugtuung verschafft; dennoch wirkt er seit September noch müder und melancholischer als vorher. Da ist einer im Glauben an die Politik erschüttert und nimmt seinen Abschied in schmerzlichen Raten.

Nur äußerlich bietet sich Walter Wallmann, mit 50 Jahren um ein Jahr jünger als Börner, als Kontrast an. Zwar ist er noch nicht zermürbt und ausgepreßt; überdies hat er sich angewöhnt, der Erfolg legt es nahe, als lächelnder, weltoffener „Strahlemann“ aufzutreten, ungebrochen wie Ernst Albrecht und jovial wie Manfred Rommel. Aber die Vorstellung, er könne an der Politik zerbrechen, ist ihm durchaus nicht fremd. Wenn die Angst zu scheitern übermächtig wird, sagt er sich immer wieder: „Mit Fünfundfünfzig hörst du auf mit der Politik. Fängst ein neues Leben an. Lesen, nachdenken, vielleicht eine Professur.“ So verschafft er sich Distanz zu sich selber, Entspannung vom Drang, ausschließlich in der Politik seine Bestimmung zu finden, und Gelassenheit gegenüber den Anfeindungen, die er auf sich zieht. Wie alle Suggestion ist die Idee vom Rückzug aufs Individuelle ambivalent: „Ich weiß ja im Grunde, daß ich es dann letztlich doch nicht mache, aber es hat bisher noch immer geholfen, so zu tun, als ob.“