Von Hans-Hagen Bremer

Dieser Jobert ist interessant. Wer ist er eigentlich?" Diese Frage stellte François Mitterrand im Oktober 1973, als der vom damaligen französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou neu ernannte Außenminister seine erste Erklärung in der Nationalversammlung abgab.

Mittlerweile dürfte Michel Jobert für den Präsidenten Mitterrand kein Unbekannter mehr sein. Nach seinem Wahlsieg jedenfalls machte Mitterrand letztes Jahr Jobert zum Außenhandelsminister in der von Premierminister Pierre Mauroy geführten Regierung. Und wie vor Jahren als Chef der französischen Diplomatie unter Pompidou sorgt Jobert auch jetzt als Mitterrands Aufseher über Frankreichs Exporte und Importe für Aufsehen. Jüngstes Beispiel: Sein Auftreten bei der Gatt-Konferenz in Genf.

Dennoch, so formulierte es das Nachrichtenmagazin L’ Express, erscheint es zweifelhaft, daß Mitterrand heute wirklich sagen könnte, wer dieser Jobert nun wirklich ist. Allenfalls sein Programm als Außenhandelsminister ist klar: "In zehn Jahren ist Frankreich eine große Exportnation." Das hört man in Frankreich gern, wenngleich es das unausgesprochene Eingeständnis einschließt, daß Frankreich heute nur eine kleine Exportnation wäre.

Doch die Einladung, sich am Regierungsbündnis von Sozialisten und Kommunisten zu beteiligen, verdankt Jobert wohl weniger seinen Außenhandelsstrategien als den innenpolitischen Überlegungen von François Mitterrand. Als Chef der kleinen Partei "Mouvement des democrats" könnte Jobert der Links-Koalition von Mitterrand den Weg zur Mitte öffnen – wenn es zwischen Sozialisten und Kommunisten einmal zum Krach kommen sollte.

Der Mann also, der die Option auf andere innenpolitische Konstellationen offenhalten soll? Eine solche Klassifizierung würde Jobert nicht akzeptieren. "Ich bin eine ungewöhnliche Persönlichkeit", sagt er von sich selbst, "ich befinde mich anderswo". Seinen Memoiren gab er den verwirrenden Titel "Erinnerungen der Zukunft". Er pflegt die "andere Betrachtungsweise". Deshalb ist es für ihn auch kein Widerspruch, wenn er auf dem Kongreß seiner Partei seine Anhänger dazu aufruft, sich um Präsident Mitterrand zu scharen, gleichzeitig aber darauf besteht, daß seine Partei im Regierungsbündnis nicht gebunden ist. "Repräsentieren Sie die Idee, die Unruhe schafft", rief er den Delegierten zu. Und das ist ganz und gar loyal gemeint. Denn es gehört zur Natur des Michel Jobert, "hier und anderswo" zu sein, sich nicht festzulegen, auszuweichen und wieder aufzutauchen.

Kein Wunder also, wenn der Außenhandelsminister allen Ernstes behauptet, mit den Schikanen gegen die Einfuhr von Videogeräten nach Frankreich nichts zu tun zu haben. Die Verlegung der Einfuhrabfertigung ins Zollamt der fernen Provinzstadt Poitiers, erklärte er, sei eine Entscheidung des (für den Zoll zuständigen) Budgetministers Fabius gewesen. Er, Jobert, habe davon erst aus dem Radio erfahren.