Hamburg

Ich stehe dazu – auch jetzt noch", sagt die Hamburger Ärztin Dr. Maren A. zwei Wochen nach ihrer Verurteilung. Und sie schafft es, ihre Stimme dabei fest klingen zu lassen.

Hat sie einen fairen Prozeß erlebt? Sie zögert; hier in ihrer Praxis hat sie offenbar die Ruhe wiedergefunden, um über den Hintergrund des Verfahrens nachzudenken. Vor der Verhandlung, als Angeklagte, war sie einfach nur "bis ins tiefste Innerste erschüttert". In ihrer Antwort liegt eine Differenzierung: Dem Gesetz nach ist sie zu Recht angeklagt gewesen; schließlich hat sie eindeutig gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen, als sie zwischen Mai 1978 und September 1979 für fünf Drogensüchtige insgesamt 191 Rezepte über Suchtersatzmittel ausgestellt hat; die meisten lauteten auf Polamidon.

Aber diese gesetzlichen Bestimmungen greifen ihrer Meinung nach zu kurz und lassen den Arzt in der Konfrontation mit Rauschgiftsüchtigen ratlos: "Angeblich gibt es 160 000 Drogenkranke – und nur 2000 Therapieplätze. Wie soll das gehen?"

Auf diese Ratlosigkeit war sie weder gefaßt noch vorbereitet gewesen, als sie endlich am Ziel schien, das ihr so lange vor Augen gestanden hatte. Mit 32 Jahren erst hatte sie ihr Medizinstudium begonnen, nachdem sie als ehemalige Stenotypistin auf der Abendschule die Hochschulreife nachholen mußte. Doch als sie dann als Ärztin für Allgemeinmedizin und Homöopathie in der eigenen Praxis tagtäglich den zahllosen verschiedenen Leiden und Beschwerden gegenüberstand, stellte sie erstaunt fest: "Da fällt man erst einmal in kaltes Wasser – so allein arbeitet man da."

Und dann kam Olaf S., 27 Jahre, drogenkrank. "Kannten Sie das klinische Bild eines Suchtkranken im Entzug?" hatte der Staatsanwalt in der Verhandlung gefragt. Das klinische Bild? Sie hatte mit Olaf S. gesprochen, lange und häufig. Und so erfuhr sie vom "Instanzenweg der Sucht", der Hilflosigkeit der Behörden, den trostlosen Ergebnissen im harten Entzug, den knappen Plätzen in therapeutischen Wohngemeinschaften. Und natürlich auch vom freien Markt für Heroin.

Sie glaubte, ihm helfen zu können, ihn mit Polamidon von den harten Drogen herunterzuholen, wenn die Dosis allmählich heruntergeschraubt würde. Olaf war denn auch beinahe ihr Musterfall: "Er kam längere Zeit mit den verschriebenen Mengen aus und war dann schließlich meines Wissens auch ganz frei davon."