Jawohl, ich trage immer noch, wie schon in meiner Jungmädchenzeit, meinen Nackenknoten. Aschblond war mein Haar, inzwischen ist es weiß, aber noch so dicht, daß es wie von selber fällt. Auch zu Lebzeiten meines Mannes hat es nie eine Ondulierschere gesehen. Er war bereits Justizassessor, als er Soldat wurde und wir am 2. April 1942 dann den Bund fürs Leben schlossen. Obgleich unsere Ehe nur während seines Urlaubs geführt werden konnte, war es eine richtige Ehe. Uns verging die Zeit wie im Fluge.

Warum unsere Ehe wohl kinderlos blieb? Nicht weil unser Wohnort unter dem ständigen Bombenterror der britischen Nachtangriffe lag. Mein Mann ist ein reiner Pflichtmensch gewesen, und befördert zum Oberleutnant der Artillerie, verließ ihn zu keiner Stunde der Gedanke an seine Kameraden an der Front. Stets trug er sein Lieblingsphoto von mir in der Brieftasche und pflegte kurz und bündig zu sagen: direkt über dem Herzen. Er handelte auch so, und das war wie ein Schwur: Der Mann soll die Frau achten, nicht nur als Mutter seiner Kinder, was bei uns ja leider ausschied, sondern als Inbegriff der Güte und Liebe und Boden der Fruchtbarkeit. Der Mann bringt der Frau die Welt ins Haus, waren seine Worte. Mein Mann ließ mir aber immer den Vortritt und hörte niemals auf, um mich zu werben.

Das Zigarettenrauchen verbot sich mir nicht nur von selbst, sondern auch im Interesse der Volksgesundheit, was bis heute ja kein leeres Wort geblieben ist. Schminke und Nagellack? Beileibe nicht. Mein Mann begehrte mich in aller Natürlichkeit, wie ja die Natur überhaupt Träger unserer innigen Zusammengehörigkeit war, ob durch Wanderungen, Radtouren, fleischlose Kost, zweimal die Woche Fisch und frische Salate oder Bananen auf Brot.

Auch in meiner Kleidung blieb das betont schlichte Kostüm mein Favorit. Und ich schäme mich nicht, es an dieser Stelle offen auszusprechen, wo doch sogar im Werbefernsehen kein Blatt mehr vor den Mund genommen wird. Ich lasse nur Leibwäsche an mich heran, die mitatmet, reine Baumwolle aus dem Fachgeschäft. Nach dem Krieg haben mir manche Männer den Hof gemacht, und ich bin durch und durch Frau geblieben, aber meine Weggefährten waren meinem Mann vom Äußeren und vom Wesen her sowie von ihrer Einstellung zu unser aller Lebensfragen immer eng verwandt.

Der letzte Mann, für den ich nicht nur die Gefährtin war, er wollte mehr, ist Veterinärarzt gewesen. Auch seine Ehe blieb kinderlos. Unsere enge Naturverbundenheit war auch hier ein Grundpfeiler unseres Verhältnisses. Er starb nach langer, schwerer Krankheit, wissend um sein Schicksal, ruhig und gefaßt. Auch meinem Mann wäre er, von mir abgesehen, ein guter Kamerad gewesen.

Und betrachte ich so die jungen Mädchen von heute, vornehmlich diejenigen, die eine höhere Schulbildung genossen haben, was ich von mir ja auch sagen darf, kleiden sie sich nicht wie ich in meiner Jungmädchenzeit? Und sie stricken und weben wieder, radeln und wandern, binden sich früh und wollen nichts anderes als Frau und Mutter sein. Sie sehnen sich nach dem einfachen Leben. Gewebt und gestrickt habe ich schon vor dem Krieg und mir nicht einen Tropfen Parfüm hinter die Ohren getupft, es sei denn Lavendel fürs Taschentuch. Es blieb bei der natürlichen Frische.

Nachdem nunmehr die Fronten in Bonn gewechselt haben, braucht unsereins ja endlich aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr zu machen. Mein Mann, Dr. Eberhard Heidorn, fiel nicht für Adolf Hitler, er gab sein Leben für Deutschland und für seine Kameraden, ja, und auch für mich. Und es sei noch einmal gesagt: Wie mich der Anblick der Mädel tröstet, womit ich auch sagen möchte: wie sich die Bilder gleichen.

Heimatliebe, Freundschaft und Kultur, das ist mein Lebensinhalt, seitdem ich wieder alleinstehend bin. Und mein Opernabonnement, welches ich mir jedes Jahr zu Weihnachten leiste, ist mein schönstes Geschenk, das ich mir aufgrund meiner Pension auch bis ins hohe Alter hinein gönnen werde, neben allem anderen, was der persönlichen Erbauung dient, ganz im Sinne meines Mannes, dem ich im wahrsten Sinne des Wortes, und auch seines Gedankengutes betreffend, stets von Herzen und im Geiste treu geblieben bin. Es grüßt