Von Karsten Witte

Fünf Männer verlassen eine Insel. Aber kaum erreichen sie das Festland, schwankt der Boden unter ihnen. Die Insel ist eine Strafkolonie, das Land ist die Türkei. Das Militärregime gewählt fünf Männern, die es nicht einmal als politische Gefangene ansieht, Hafturlaub. Die Urlauber stürzen davon, um in vermeintlicher Freiheit ein Stück aberkanntes Leben aufzuholen. Ein kollektiver Aufbruch zum Ziel familiärer Geborgenheit und ein traurig vereinzeltes Ende mit fünf Abgesprengten. Dem Gefängnis auf Zeit entronnen, und der innere Bürgerkrieg noch im fernsten Kurdistan sie alle ein. Der Feudalismus, Blutrache und wahnwitzige Mannesehre besorgen das Massaker, bei dem die Militärs, fortschrittlich aufgeklärt, ihre Hände sauber halten.

Im Zugabteil sitzt ein Reisender mit notdürftig verbundenem Kopfschuß, ohne jähes Entsetzen der Mitreisenden auszulösen. Im Grenzland nach Syrien spielt ein Mann mit seinem Hund, und Maschinengewehre knattern. Ein vom verfeindeten Familienclan gewaltsam getrenntes Ehepaar flieht. Heimlich liebt es sich in der Eisenbahntoilette. Das skandalisiert die Mitreisenden mehr als ein Kopfschuß. Fast werden die Liebenden gelyncht, dann endlich doch von der Vendetta ihrer Familie ereilt. Das Kind, verwaist, bleibt schluchzend im Postwagen zurück. Tote Schmuggler werden vom Militär wie Vieh auf einem Lastwagen zur Schau gestellt. Die Hinterbliebenen müssen ihren Schmerz verbergen, weil er sie, schutzlos manifestiert, der Repression ausliefern würde.

"Yol" heißt der Film, den der Regisseur Güney, vor kurzem selber noch auf einer Gefängnisinsel im Marmara-Meer inhaftiert, aus der Ferne dirigierte. Sein Assistent Serif Gören realisierte das Drehbuch, das mit exakten Angaben zu jeder Kamerabewegung versehen war. Eine Schweizer Produktion stellte das Rohfilmmaterial und den technischen Stab. Mit Hilfe von Freunden, auch unter den Wärtern, gelang Güney das unglaubliche Kunststück, das belichtete Filmmaterial auf ein Bettlaken im Speisesaal der Strafkolonie projiziert zu sichten. Nachdem ihm die Flucht in die Schweiz glückte, konnte er "Yol" dort schneiden und in Paris mit türkischen Emigranten nachsynchronisieren. Wie mächtig muß die Inspiration dieses Mannes auf seine Umgebung wirken, daß er in der schärfsten Nähe zur Unterdrückung ein Bild dieser Unterdrückung aus der Ferne lenken konnte!

Das kann in dieser Form nur gelingen, wenn der Autor und Regisseur ungebrochen von der Haft nicht nur mit dem Pfunde seines Handwerks wuchert, sondern ebenso stark mit dem eigenen Mythos der unversehrten, unbeugsamen Willenskraft arbeiten kann. Güney fühlt sich, und wird darin nur bestärkt, als Sprachrohr aller demokratischen Türken, denen seine Filme eine mythische Waffe der Unverletzbarkeit in die geschwächten Hände legen.

Fünf Männer unternehmen eine Reise und lassen sich unterwegs derart vom Wege abbringen, daß es sie zu einem Ziel verschlägt, das sie selber nie zu erreichen hofften: das Gefängnis in ihnen selber. Wenngleich der Film ihnen weder eine zivilrechtliche, noch eine politische Schuld vorrechnet, macht er doch deutlich, daß die Männer aufbrechen, um offene Rechnungen zu begleichen. Heroische Entschlüsse, die in langer Haft gereift sein müssen und schon verfault sind, sollen zur Tat werden. Der angestaute Affekt hat die Täter zum Wahn verhärtet. So werden sie ungerührt zum Instrument der lang geplanten Rache. Viele Tote, die lebend ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben hätten machen können, bleiben zurück.

Ein Mann, der sich modern dünkt und über die nornenhaften Begleiterinnen seiner Braut tobt, nimmt sie an die Kandare. Liebeswünsche, so hart wie ein Tagesbefehl. Die Braut darauf, zierlich lispelnd: "Du sprichst so schön. Hast du das im Gefängnis gelernt?" Man ahnt, wozu die Haft sozialisiert: zur Rhetorik der fortgeschrittenen subtilen Unterwerfung.