Von Nina Grunenberg

Die Rechten werden es nicht glauben. Aber es ist ein Märchen, daß Linke und Radikale in den klassischen Arbeiter-Gewerkschaften den Ton angeben. Das ist schon deshalb schlecht möglich, weil ihre Zahl nur gering ist. Eigentlich sind es nur drei.

Der klassische Fall ist Detlef Hensche, Vorstandsmitglied der IG Druck und Papier. Seit er bundesweit als Ideologe der Druckerstreiks in den Jahren 1976 und 1978 von sich reden machte, hat er sich in unserem öffentlichen Bewußtsein als Reizfigur erster Ordnung etabliert. In seiner Person verbindet er alles, was man braucht, um den Blutdruck der Bürger in die Höhe zu treiben. Scharfe Intellektualität, linke Rhetorik, deutlich bezeugtes Mißtrauen gegen das System, und das alles auf einem bürgerlichen Hintergrund, der Radikale noch stets zum Aha-Erlebnis für Laien-Psychologen werden läßt. Sein Vater war ein Wuppertaler Kaufmann mit drei Angestellten. Er selber hat studiert und ist Jurist mit zwei Staatsexamen. Weil der 45jährige Hensche so nahtlos ins Klischee paßt, entstand der Eindruck, daß es ihn und seinesgleichen im Dutzend billiger gäbe. Doch ist er nur ein schillerndes Fettauge auf dem sonst eher schlichten Gewerkschaftseintopf.

Das macht auch der zweite Fall deutlich: Christian Götz, 43 Jahre alt, im Vorstand der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) unter anderem für Jugend-, Bildungs- und Kulturarbeit zuständig. Er ist ein kühler, zielbewußter Kopfarbeiter, der sich gern an Konflikten emporrankt. Auf den großen Friedensdemonstrationen war er einer der wenigen, die die Gewerkschaftsfahne hochhielten, obwohl er wußte, daß nicht viele Kollegen hinter ihm standen. Relativiert wird seine progressive Ausstrahlung allerdings durch die noch recht junge Gewerkschaft, der er angehört: In den Augen der etablierten Arbeiter-Vertreter ist "HBV" in den Sturm- und Drangjahren und gilt noch nicht als ausgegoren. Den richtigen Mief muß sie erst noch bekommen.

Der Dritte im Bunde ist der einzige, der in die seriöse Traditionslinie der Gewerkschaften gehört. Es ist Georg Benz, 61 Jahre alt, Vorstandsmitglied der IG Metall. Er ist ein Altlinker aus der Frankfurter Ecke, der es trotz vieler Niederlagen nie aufgegeben hat, linke Gewerkschaftspolitik für möglich zu halten.

Doch das ist nun schon die Prominenz. Ob Franz Steinkühler noch dazu gehört, der vielzitierte Bezirksleiter der IG Metall in Stuttgart, gilt bereits als offene Frage. Zyniker glauben, daß er linke Politik nur benutzt, um sie für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Sie rechnen ihn nicht zu den Überzeugungstätern. Ein Gewerkschaftsvorsitzender machte das mit einer Allegorie deutlich: "Detlef Hensche glaubt, daß ein Ei auch mit 70 Grad weich zu kochen ist, und versucht, uns das mit vielen Tricks zu beweisen. Der clevere Steinkühler redet auch so, aber er weiß, daß er das Ei nur mit 100 Grad weichkochen kann."

Die Linken sind in den Gewerkschaften eine Minderheit, die sich ihrer Haut wehren muß und der nicht viel gegönnt wird. An der Basis dürfen sie zwar noch Aufstände proben. Auch in den Reihen der Zuarbeiter, "Zuspitzer" und "Zuschläger", wie es im Gewerkschaftsjargon heißt, gibt es genug Linke, die ihre Ideen in die Redemanuskripte ihrer Arbeiterfürsten zu lancieren versuchen. Sie haben ihre Hände auch jederzeit griffbereit an den Flüstertüten und Kopierautomaten. Aber an den Schalthebeln der Macht, die in den Abteilungen Organisation, Finanzen und Tarifpolitik bedient werden, sitzen sie nicht.