ARD, Sonntag, 28. November: "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt; Regie: Max Peter Ammann.

Maria Schell als Claire Zachanassian in Dürrenmatts "Besuch der alten Dame": kein Racheengel, keine Heroine mit hochdramatischem Pathos, keine Schicksalsgöttin und kein griechisches Sagenweib, das sich die Schenkung von einer Milliarde hohnlachend und selbstbewußt mit der Ermordung ihres Geliebten von gestern, des Kindsvaters, bezahlen läßt, der sie, ein junges Dorfkind, sitzenließ.

Statt dessen: eine zerstörte Frau, die nicht nur eine Bein- und Handprothese, sondern auch eine künstliche Seele besitzt – bestohlen und betrogen um die echte und lebendige! Leises, beinahe mechanisches Sprechen, nur ein einziger Ausbruch. Zelebrieren eines Rituals, das mit vorausberechneter Konsequenz ablaufen mußte: hier wird ein Schlußstrich gezogen, der notwendig ist, obwohl er die verlorene Seele nicht zurückbringen kann. Auge um Auge, Zahn um Zahn: Frau Schell spielte, in einer erbarmungslosen und grandiosen Version, eine geschminkte Marionette, die, als Claire Zachanassian, ihr verlorenes Ebenbild, die Wäscher-Kläri aus Güllen, agieren ließ, und mit ihr ein ganzes Dorf, ein paar Ehemänner und den zum Tode verurteilten Geliebten dazu.

Die Milliardärin – ein geschundener, nur noch zu Kalkulationen mit Zahlen und Köpfen fähiger Unmensch: es war bewundernswert, mit welcher Konsequenz Maria Schell Leblosigkeit zu verlebendigen und Monotonie als einzig möglichen Ausdruck des Zerstörtseins darzustellen verstand. Mit der Henry Clay im Mund, mit kalkigem Gesicht, mit dem hochzeitlichen Schleier in der Peterschen Scheune, aufgebahrt im weißen Totenhemd: zweieinhalb Stunden lang machte eine große Schauspielerin sichtbar, wie Frauen aussehen, alt geworden und reich, denen ein Mann einmal die Seele aus dem Leib gerissen hat.

Und dann dieser Mann selbst, Alfred III, von Günter Lamprecht gespielt: da findet, dank kluger Regie, die gewesene Wäscher-Kläri den ihr entsprechenden Partner – auch III ist zerstört, kaputt, erledigt; auch er reagiert, auf seine Weise, mechanisch und unangemessen, poltert los, wo er sich zurückhalten sollte, benimmt sich wie ein Automat, der eine falsche, nicht gewünschte Ware ausspuckt.

Doch dann plötzlich, in der Stunde, da er sich mit seiner Hinrichtung abgefunden und den Frieden gemacht hat, in Anerkennung der Schuld – da findet er jenen der Situation angemessenen Ton, das Leise und beinahe Zarte, das zum erstenmal anklingt, als Lamprecht, gegen das Gewohnte ansprechend, den Satz "Ich bin verloren" beinahe flüsternd wiedergibt. Wo bisher die Schauspieler brüllten, redete er, Günter Lamprecht, wie ein Mann, der, im Augenblick der Katastrophe, mit dem Wissen das (verschüttete) Gewissen freilegt: Dieses Mal, Kläri, bist du der Täter, und ich bin das Opfer. Wohlan, spielen wir ihn zu Ende, unseren Part!

Blanker Zynismus ist es, ein solches Stück in solcher Besetzung für eine Minderheit von Nachtschwärmern anzubieten – Zynismus, weil die Verantwortlichen sehr genau wissen, daß, wie es heißt, mit Ausnahme des Wochenendes nach elf ohnehin nichts mehr läuft. Wozu auch: soll es doch pennen, das Volk, wenn Maria Schell und Günter Lamprecht unter Max Peter Ammanns Regie ein Friedrich Dürrenmatt-Stück spielen, wie es besser nicht geht!