Ich wüßte kein besseres Buch, das auf den Weihnachtstisch eines jungen Menschen gehörte. Ein verfetteter Adler läßt auf dem Umschlag schieläugig die Hosen herunter. Kamen wenigstens Federn hervor; doch es ist ein feister Menschenhintern, der uns da vertrauensvoll blinkend begrüßt: Der deutsche Adler ist schon seit langem von seinen Verbrauchern kahlgerupft worden. Und dem Grundgesetz scheint es, seit seine vielzitierten Väter es schufen, nicht viel anders ergangen zu sein, was der Autor in diesem Buch –

F. K. Waechter: „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“; VSA Verlag, Hamburg; 84 S., 7,80 DM.

buchstäblich schlagend beweist. Wobei zugegeben werden soll, daß es immer etwas Mißliches ist, hochgesteckt Politisches mit Realpolitik zu vergleichen. Aber daran müssen sich unsere Staatsmänner nun mal wohl oder übel (übel, vermutlich) gewöhnen.

Waechter beginnt, füchsisch das Thema „Einheit und Freiheit Deutschlands umkreisend, mit einer gezeichneten Paraphrase auf das einprägsame Lied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“.

Daß die gemästete Gans dabei auf dem Teller des westdeutschen Gemästeten bleibt, während das dem Fuchs anempfohlene Mäuslein auf dem DDR-Teller liegt, versteht sich am Rand. Als nächstes kommt das westdeutsche Haupt-Utensil, der Polizeiknüppel, dran. Waechter nennt ihn vorsorglich „Tastorgan“, was Rückschlüsse auf eine gewisse leidgeprüfte Sensibilität zuläßt. Und in der Tat: Der massige, über sieben Seiten wegschnarchende Schläfer, der im Plüschsessel traumverloren die unanstastbare Würde des Menschen (also auch des Spießers) bedenkt, er wird von einem unserer besorgten Staatshüter mit einem gewaltigen Gummiknüppelschlag abrupt eines Schlechteren belehrt. Logo: Wer schlafend lächelt, kann kein guter Staatsbürger sein. Ein solcher schläft nicht; er wacht; und zu lächeln hat er schon gar nichts.

Überhaupt ist einem „der Staat“ als purer Machtfaktor (um nicht Rechthaber sagen zu müssen) selten so gänsehautfördernd nahegebracht worden wie hier, wo die Erinnerungskraft einer schockgesteuerten Zeichenfeder ihn aufs einprägsamste festzunageln versteht. Kommt noch hinzu, daß der gnadenlos danebengestellte Grundgesetz-Paragraph, nun ungewollt mit der Zeichnung im Bunde, eindringlich die Sprachhoheit der Herrschenden akzentuiert. Etwa, wenn da vom zu bewahrenden Weltfrieden die Rede ist, und eine polizeigeschützte Rakete, made in USA, wird von Tausenden von Menschen bedrängt, die jedoch nichts anderes wollen, als jenem tänzerisch begabten Herrn zu lauschen, der auf dem Sprengkopf balancierend, besagten Friedensparagraphen zitiert.

Da plumpst in diesem Buch hier selbst Christus vom Kreuz, denn die Neutronenbombe, dem Freien Willen des Menschen entsprungen, ist nun mal stärker als er. Und wenn das eingesperrte Mutterschwein dem eingesperrten Ferkel die Schönheit des Lebens verheißt, so gewinnt das, nimmt man das drüberstehende Grundrecht auf .freie Persönlichkeitsentfaltung hinzu, einen fast möchte man sagen: tragischen Reiz, den jeder Arbeitslose ja wohl gebührenfrei nachkosten kann.