Von Hansjakob Stehle

Rom, im November

Es galt einst für den ersten Bettelmönch wie heute für den letzten Gammler: "Niemand kann in dieser Welt leben, ohne sich überhaupt um Geld zu kümmern." Diese banale Wahrheit diente freilich dem Bankier des Papstes, Erzbischof Marcinkus, um sich gegen ein Gerede zu wehren, in das er und die Vatikan-Finanzen seit Monaten weltweit geraten sind. Johannes Paul II. selbst hat jetzt versucht, den Gerüchten ein Ende zu machen. Er ließ den Schleier traditioneller Geheimnistuerei lüften und wagte vor dem gesamten Kardinalskollegium, ja zum erstenmal in der Kirchengeschichte vor den Augen des ganzen "Gottesvolkes" einen pauschalen Kassensturz.

Was zum Vorschein kam, zerstört Legenden und ist doch peinlich genug. Es bewog den Papst, seine Gläubigen noch mehr zum Klingelbeutel zu bitten, auch um naive Prälaten seines Hauses künftig vor der Versuchung gewagter Spekulationen zu bewahren.

Begonnen hatte alles mit dem Schreck, den die Pleite und der mysteriöse Tod des Mailänder Bankiers Calvi auslösten. An seinem "Banco Ambrosiano" war, wenn auch mit kaum zwei Prozent, jenes vatikanische "Istituto per le Opere Religiöse" (IOR) beteiligt, das seinen frommen Namen den Geldeinlagen verdankt, die für "religiöse Werke", also kirchliche und karitative Zwecke bestimmt sind. Ist aber dieser IOR deshalb, wie Staatssekretär Casaroli seine Kardinalskollegen aus aller Welt belehrte, "keine Bank im üblichen Sinne des Wortes"?

Vielleicht, weil das Institut seine Gewinne nur religiösen Zwecken zuwenden darf und weil das Kapital, das ihm anvertraut ist, nur aus kirchennahen Kassen stammen soll, vom Ordensvermögen bis zum Spendenkonto seiner Heiligkeit (Nr. 1616). Nicht "Vatikan-üblich" ist es, daß – wie in diesem Fall 1942 festgelegt wurde – ein solches Geldinstitut mitten im Vatikan ohne wirksame Aufsicht und ganz unabhängig sowohl von der päpstlichen Vermögensverwaltung wie von allen Ämtern des Heiligen Stuhls operiert. Und ganz gewiß nicht bankenüblich ist, daß die Leitung bei einem Manne liegt, der nicht Priester geworden wäre, wenn er sich zugetraut hätte, besser mit Gläubigern als mit Gläubigen umzugehen.

So überließ der Amerikaner Marcinkus – mit hemdsärmeligen Umgangsformen auch in der Soutane – dem gerissenen Calvi Patronatsbriefe, mit denen dieser erfolgreich hausieren ging und Millionenkredite organisierte. Wer wollte auch einem Mann mißtrauen, der offenkundig das Vertrauen "des" Vatikans besaß? Genauere Erkundigungen einzuziehen, schien weder nötig noch möglich, da hier das Bankgeheimnis wie das Beichtgeheimnis gewahrt zu werden schien.